Es war, als könne er sich überhaupt nicht dazu zwingen, ein Buch zu öffnen. Ganz sonderbar fremd fühlte er sich, wenn er nur etwas Gedrucktes sah. Er hatte auch lang genug studiert und gelesen. In der Schule schon hatte er seine freien Stunden zum Lesen benützt.
Und dann auf der Universität!
Bei der Tante in Upsala hatte er ja ungefähr so gelebt, wie in den letzten Jahren seiner Schulzeit. Seine einzige Zerstreuung im Lauf des Tages hatte in den zwei regelmäßigen Spaziergängen bestanden: der eine auf der Flusterpromenade nach dem Frühstück, der andere nachmittags auf den Karolinenhügel. Nun er endlich mit Studieren fertig war, da war’s, als dränge alles, was er früher in sich verschlossen, zum Schweigen gebracht hatte, hervor und wolle sich Gehör erzwingen. Durch alle Bücher hindurch, ihnen zum Trotz!
Er blieb am Fenster stehen. Draußen funkelte die Sonne auf dem Schnee, der dick über dem weiten Platz lag und um die Stämme der Ulmen runde Vertiefungen bildete. Auf das Dach brannte sie so stark, daß der Schnee, der dortlag, zu schmelzen begann und sachte an den Eiszapfen, die an den Rinnen hingen, herabtropfte.
Ohne weiteres Besinnen griff Ernst Hallin zu seinem gewöhnlichen Mittel, wenn er seine Gedanken verscheuchen wollte. Er beschloß, einen Spaziergang zu machen, und nahm sich fest vor, dabei an seine Predigt zu denken.
Er schlug den Weg ein, der am Villenviertel vorbei die Anhöhe hinaufführte, die sich von Norden her nach Gammelby heruntersenkt. Rasch schritt er aus; im Sonnenschein, der ihm warm entgegenglitzerte, verschwanden seine zweifelnden Gedanken; er vergaß alles, außer dem, was grade vor ihm lag.
Als er auf dem Gipfel des Abhangs angelangt war, erblickte er einen zugefrorenen See, auf dem aufrechtstehende Tannenzweige einen Fahrweg bezeichneten, der fern hinter einer Landzunge verschwand. Frischgewaschen vom Schnee, der von den Zweigen abgetropft war, mit Eiszapfen, die da und dort durch die dunkelgrünen Nadeln in der Sonne funkelten, standen die Tannen und Fichten auf den Hängen, den kleinen Inseln und Landzungen, die auf allen Seiten vorsprangen und das weiße Schneefeld des Sees unterbrachen. Ganz hinten, in der Ferne, blickte man in eine endlose Perspektive von Ufer und Wald, die im Schatten lag, während das große offene Schneefeld in den glitzernden Strahlen der Sonne glänzte.
Im Wald, auf der andern Seite der Straße, sah er ein paar Dompfaffen, die mit ihren roten Brüstchen lustig durch den Schnee flatterten; über einen hohen Stein huschte eben ein graugesprenkeltes Eichhörnchen und verschwand zwischen den dämmerigen Tannen.
Es kam ihm der Gedanke, wie ganz anders als andere Menschen er doch eigentlich sein müsse. Andere Menschen bekamen ihre Arbeit zugeteilt, griffen zu, ohne weiteres Besinnen, mit beiden Händen, und taten ihre Pflicht. Und damit war’s fertig.