Und er? Er lief herum, wochenlang, grübelte über seine Arbeit nach, bis er halb krank war, und konnte doch zu keinem Entschluß kommen. War es denn um seine Arbeit etwas so Besonderes? Predigten hatte er schon öfter geschrieben und auch selbst gepredigt. Und hatte sich dabei doch nicht so aufgewühlt, so unruhig, so zerrissen gefühlt. Er hatte sogar ganz gut gepredigt, wenn er erst in Zug gekommen war. Das wußte er.
Und daß seine Auffassung der Dogmen, der Dreieinigkeit und Versöhnung, mehr zu der Waldenströms als zu der der Kirche neigte — was tat das? Das wußte er ja schon längst. Dies bißchen Freidenkertum war eine Seelenarbeit, die ihn in einsamen Stunden stets beschäftigt hatte. Es war ein Geheimnis, auf das er fast stolz war. Er hatte es „Entwicklung“ genannt, hatte es als einen großen, ernsten Gärungsprozeß empfunden. Aber Waldenström selber war ja doch im Dienst der Kirche geblieben. Sollte er da nicht auch eintreten können?
Aber der Eid? Der Priestereid? Er schwor ja doch auf die Symbole und auf das Augsburger Bekenntnis. Bah! War es sein Fehler, daß kein Mensch Gottes Wort verkünden durfte, ohne diesen Eid zu schwören? Sollte sein Gewissen denn so viel empfindlicher sein als das der anderen? Wie oft hatte er das nicht mit Simonson besprochen, und Simonson hatte so gute Gründe angeführt, so überzeugende, klare, unwiderlegliche Gründe.
Zum Beispiel, Gottes Wort könne man ja wohl verkünden, aber man könne davon nicht leben, wenn man keine Anstellung habe. So sagte Simonson. Was für ein Mensch war das eigentlich, Simonson?
Er blieb unten am Abhang, wo eine Brücke über einen breiten Graben führt, stehen. Auf beiden Seiten des Grabens standen ein paar alte Tannen; der Graben war so tief, wie ein schmaler Bach. Dünne Eisschollen wuchsen zu beiden Seiten der Grabenränder; auf den Steinen unter der Brücke lag Schnee. Aber unter der Eisdecke murmelte und sprudelte Wasser, das sich Bahn brechen wollte, und da, wo das Eis Löcher hatte, sah man die lehmgelbe Flut unter dem Eis durcheilen; in der Mitte war eine lange Rinne, durch die das Wasser aufsprudelte und mit dem geschmolzenen Schnee einen großen schwarzen Fleck bildete.
Es war, als wecke ihn dies Sprudeln aus seinen Gedanken. Seine Nasenflügel weiteren sich, seine Brust schwoll, mit blitzenden Augen blieb er stehen und lauschte auf dies kleine Zeichen von Leben, das sich da durch das Schweigen des Waldes vorwärtsarbeitete. Er lehnte sich ans Brückengeländer und blickte hinab auf den dunkeln Streifen Wasser, der sich immer weiter in den Schnee hineinsaugte. Eine Lust überkam ihn, zu helfen, und mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit sprang er den Abhang hinunter und begann mit seinem Stock Löcher in das Eis zu hauen, damit das dunkle Wasser unbehindert aufschwellen könnte. Er arbeitete, daß er schwitzte; die helle Röte stieg ihm ins Gesicht. Er hieb Löcher um große Stücke Eis, drückte sie dann ins Wasser hinunter, brach mit den Händen große Klumpen los und warf sie ans Ufer, und fühlte die ganze Zeit über ein solches Interesse an der Sache, als beschäftige er sich mit der allerernsthaftesten und nützlichsten Arbeit. Eben wollte er einen großen Stein aufheben und ihn mitten in die Eisrinne werfen, wohin er mit dem Stock nicht reichte, als er plötzlich von der Brücke oben einen Laut vernahm; er fuhr zusammen und blickte auf.
Droben stand ein junges Mädchen und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Als der junge Mann sie erblickte, errötete sie und schickte sich zum Gehen an. Dann besann sie sich und brach in ein helles, klingendes Lachen aus.
„Entschuldigen Sie!“ sagte sie. „Aber ich kann nicht anders! Sie haben zu komisch ausgesehen!“
Und wieder lachte sie, daß zwei kleine Grübchen in ihren Wangen sichtbar wurden; ihre Augen glänzten schalkhaft und klar, und die Zähne blitzten verführerisch zwischen den roten Lippen.