„Wie lustig, daß Sie so närrisch sein können, wenn Sie allein sind! Jetzt hab’ ich auch gar keine Angst mehr vor Ihnen!“ Sie beugte sich vor und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, als wäre sie jetzt erst dahintergekommen, daß auch er ein junger Mensch von Fleisch und Blut war, wie sie.

„Sind Sie denn nie unvernünftig?“ fragte Ernst. Er war ganz erstaunt über seine eigene Stimme; er kannte sie kaum wieder, so heiter und stark klang sie.

„Ich!“

Sie warf mit einem kleinen Ruck den Kopf in den Nacken und fing an, im Schnee herumzutrippeln, als habe sie die größte Lust, zu tanzen.

„Wissen Sie, wenn ich so allein daheim bin, und Tante in der Küche draußen kocht — Sie wissen doch, ich wohne bei der Tante, wenn ich in der Stadt bin, und sie hat Schuljungens in Pension — ah — was die gräßlichen Jungens einen mit ihren Unarten plagen können! — da weiß ich wahrhaftig manchmal nicht, was ich anfangen soll! Ganz verrücktes Zeug fällt einem da oft ein! Wir Mädchen haben ja doch nichts Rechtes zu tun. Und manchmal ist mir alles so zuwider, daß ich am liebsten weinen möchte. Aber manchmal bin ich so ausgelassen und wild, daß ich wollte, ich könnte auf einem so recht tollen Pferd einmal weit fortreiten. So schnell, daß ich gar nichts mehr sähe vor mir! Hüpfen und schreien könnt’ ich aus lauter Übermut, in den Wald laufen und die Abhänge herunterrollen, oder im Sommer im See baden und ins Wasser schlagen, bis ich so müd wär, daß ich gar nicht mehr könnte! Aber das ist ja alles dummes Zeug!“

Sie waren jetzt in die Stadt gekommen, und an einer Querstraße blieb sie stehen.

„Jetzt darf ich nicht weiter mit Ihnen gehen“, sagte sie. „Adieu!“

Und sie streckte ihm die behandschuhte kleine Hand entgegen. Er nahm sie und blickte ihr in die klaren Augen.

„Kommen Sie denn jetzt gar nicht mehr zu Selma?“ fragte er. Er begriff selber nicht, wo er den Mut dazu hernahm.