Aber die ganze Familie fühlte die Gewitterwolke, die über ihnen schwebte, ohne sich zu entladen, und Ernst fing schon an, sich Gewissensbisse zu machen.
Die Sache verhielt sich nämlich so: Selma hatte ihm vor dem Essen anvertraut, es würden heut abend auch junge Leute kommen. Sie hatte es von Gabrielle gehört, die sie auf dem Weg zur Schule getroffen hatte. Sicher würde da auch Eva Baumann kommen. Denn ihre Tante verkehrte bei Professor Hallins. Und das hatte Ernst bestimmt. Er mußte gehen, koste es, was es wolle.
Er hatte in den letzten zwei Wochen ein ganz neues Leben gelebt. Seit der Begegnung an der Brücke war er ein ganz anderer. Guter Laune, heiter in der Familie, zärtlich gegen die Mutter. Und, was das Allermerkwürdigste war — er hatte seine Predigt geschrieben. Und zwar ganz ohne Anstrengung, ohne Grübelei, leicht wie ein Spiel!
Frau Hallin fing schon an, ihren bösen Ahnungen unrecht zu geben.
Daß er heut abend in die Gesellschaft gehen würde, war für ihn eine ganz abgemachte Sache. Die Mutter mochte sagen, was sie wollte. Er machte frühzeitig Toilette und war vor den anderen drunten im Wohnzimmer.
In Professor Hallins großem Salon waren die Möbelüberzüge entfernt, das weiße gestickte Tischtuch lag zierlich auf dem großen Sofatisch ausgebreitet, der Schein der Lampe widerstrahlte hell von dem Weiß, und in dem bronzenen Kronleuchter brannten alle Lichter.
Professor Hallin wanderte in Frack und weißer Krawatte durch die Zimmer und besah sich das ganze Arrangement. Niemand hätte es ihm angesehen, daß er schon über sechzig Jahre alt war. Der Bart war freilich grau und der Schädel kahl. Aber unter die grauen Haare mischten sich noch viele braune, und bei festlichen Gelegenheiten trug er seine Korpulenz mit einer Elastizität, als wäre sie bloß der Ausdruck jugendlicher Gesundheit und Kraft. Sein Gesicht war fast faltenlos, die Jahre schienen über ihn hinweggegangen zu sein, ohne ihn alt gemacht zu haben, und in seinen Augen blitzte eine Frohlaune, die ihn ordentlich verjüngte.
Er warf einen flüchtigen Blick über die Zimmerreihe — er wußte, bei einer solchen Gelegenheit konnte er sich auf seine Frau verlassen — und stieg dann die Wendeltreppe hinauf, die zu den Rauchzimmern führte.
Diese beiden Zimmer, ein großes und ein kleines, waren sein Stolz, der größte Luxus, den er sich selbst gestattet hatte. Er sah sich um in diesem Komfort, den er im stillen „europäisch“ nannte, und ein Gefühl von Eitelkeit beschlich ihn beim Gedanken, daß in ganz Gammelby etwas Ähnliches nicht zu finden war. Er blickte auf die Spieltische, auf denen neue, ungebrauchte Karten lagen. In den Leuchtern an den Wänden brannten neue, dicke Kerzen, und durch die Portiere, die schräg über der Tür hing, schimmerte der lichtgrüne Schein der großen Laterne, die in der Mitte des kleineren Zimmers hing.
Der alte Herr besah sich die Kognaketiketten und hielt die Punschkaraffen gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch ganz blank und klar wären. Dann zählte er die Gläser und machte eine Zigarrenkiste auf, die er zwischen die Mundstücke und Meerschaumpfeifen auf dem eleganten Rauchtisch setzte. Darauf stellte er sich vor einen Pfeilerspiegel, der von der Decke bis zum Fußboden reichte, und gönnte sich einen Überblick über seinen äußeren Menschen.