Und die Professorin kam eilig aus der Küche gesegelt, um Frieden zu stiften.
„Schämen solltet ihr euch, heut, wo Gäste kommen! Hab’ ich euch nicht gesagt, ihr sollt Gabrielle nicht immer ärgern?“ Im selben Augenblick ertönte draußen die Klingel. Elin wurde hinausgeschickt, um das Zimmermädchen zu rufen, die im Korridor sein mußte. Die Professorin eilte in den Salon, um zum Empfang bereit zu sein, und Gabrielle hing sich noch einmal an den Hals des Verlobten und warf dabei einen ganz extra schwesterlichen Blick über seine Schulter nach „den ungezogenen Rangen!“
Jetzt kamen die Gäste. Im Vorzimmer herrschte ein Gedränge. Damen und Herren lösten einander vor dem Spiegel ab. Solide alte Damen in Haube und falschen Locken, alte Herren mit grauen Perücken oder glänzenden Platten und grauem Bart, mittelalterliche Herren, die meisten mit kahler Stirn und blühender Farbe, elegante junge Herren mit gradem Scheitel und Kneifer, mittelalterliche Damen mit schlichtem Haar und einer schwarzen Schleife auf dem Kopf, mit strengem, steifem Gesicht, die die Welt und alles, was von der Welt war, verachteten, und die nur kamen, um zu zeigen, daß sie sich in dieser Welt, die sie verachteten, auch ebensogut bewegen konnten. Und schließlich fröhliche, rosige Mädchengesichter, die lang vor dem Spiegel standen und ihn endlich mit dem Lächeln verließen, das verlangt wurde, wenn man zu einem Hochzeitstag gratulieren mußte.
Alle, die in den Salon traten, alt und jung, Herren und Damen, behielten die Handschuhe an, wie zu einem Ball; einige der Herren, die in Stockholm gewesen waren und wußten, was sich gehört, hielten den Chapeau claque unterm Arm, während sie drin mit den Damen plauderten, in einer Salonecke oder einem Türrahmen standen oder in eleganter Haltung Staffage in den bunten Räumen bildeten. Und alle kamen sie zum Gratulieren. Sie dienerten und verbeugten sich, Worte flogen hin und her, so herzlich, so heiter, als fiele es keinem im Traum ein, daß je ein Wölkchen auch nur eine Sekunde lang den heitern Himmel dieser Musterehe verschattet haben könnte. Die Damen nahmen die „liebe, liebste Aurora“ in die Arme und küßten sie auf Mund oder Wange, wie sich’s nun eben traf. „Ach Aurorachen!“ „Du siehst wahrhaftig aus wie deine eigene Tochter!“ „Seid ihr wirklich schon ganze zwanzig Jahre verheiratet?“ „Ja, wenn die Kinder nicht wären — man könnt’ es überhaupt nicht glauben!“ „Und die liebe kleine Gabrielle! Wenn man bedenkt, daß sie auch schon verlobt ist!“ „Teure Aurora, wie lieb von dir, uns einzuladen!“ „Es tut mir so leid, daß ich nicht einmal ein paar Blumen habe für dich! Aber alle meine Blumen gedeihen diesen Winter so schlecht!“ — Dies letztere war die Bischofin.
Jedoch auch ernsthaftere Glückwünsche gab es, die sich in langen, bedeutungsvollen Händedrücken, in leise geflüsterten Worten äußerten: „Gott segne dich, Aurora, und laß es dir wohl ergehen!“ Während die Herren ihre Gefühle bei dieser Gelegenheit etwas einförmiger ausdrückten: „Habe die Ehre!“ „Beste Glückwünsche!“ „Hoffe, daß noch viele frohe Jahre...“ „Hm... Hm...“ usw., „Hoffe, noch viele Jahre die Freude zu haben...“ „Hm... Hm...“ usw.
Die Professorin empfing alle Glückwünsche und bemaß ihre Erwiderungen nach der Anrede. Sie lächelte den Fröhlichen fröhlich zu und war wehmütig mit den Wehmütigen. Und während immer mehr Gäste hereinströmten, bewegte sie sich voll Eifer zwischen Sofa und Tür, wies allen ihre Plätze an und vergaß weder die verschiedenen Rangstufen noch die verschiedenen Antipathien.
Professor Hallin strahlte vor Vergnügen. Aufrecht und elegant schob er seine korpulente Gestalt zwischen den Schleppen der Damen und den Möbeln des Salons durch, ohne auf die einen zu treten oder an die anderen zu stoßen. Für die alten Damen hatte er artige und verbindliche Worte, für die jungen Mädchen galante Blicke und ein väterliches Achselklopfen oder Wangenstreicheln. Dem Bischof, mit dem er auf Du stand, machte er eine Verbeugung, respektvoll, wie sie sich für den Ephorus des Gymnasiums gebührte, und begleitete sie mit einem heitern Blinzeln, das dem Duzfreund galt; für seine Kollegen hatte er die zwanglose Heiterkeit, die sich kein anderer als Professor Hallin in einem Salon hätte gestatten dürfen. Er schnitt ihnen Grimassen, puffte sie in den Rücken und schlug ihnen auf die Achsel, daß es auf dem feinen Fracktuch nur so klatschte. Und für all diese harmloseren Verbrechen gegen die Schicklichkeit wie für Vergehen ernsterer Art hatte ganz Gammelby nur ein Urteil: „Herrgott, ja, es ist eben Professor Hallin!“
Adjunkt Hallins kamen etwas spät. Frau Hallin hatte ziemlich ausführlich Toilette gemacht, aus Rache, wie der Adjunkt vermutete, weil Ernst nicht hatte auf das Mitgehen verzichten wollen. Als sie nun aber in den Salon trat, war sie eitel Sonnenschein, küßte die Schwägerin auf beide Backen, drückte ihr die Hände und flüsterte: „Liebe, gute Aurora!“ Die Schwägerin erwiderte ihre Zärtlichkeit mit Tränen in den Augen. Sie wußten beide, daß alle Damen im Zimmer sie beobachteten. Denn ganz Gammelby wußte, daß die Schwägerinnen sich nicht gut standen. Der Gymnasiallehrer umarmte seinen Bruder herzlich. „Alles Gute, alter Kain!“ sagte er innig.
Der Professor zupfte ihn lustig am Bart und erwiderte: „Du, auf alten Bäumen wächst Moos!“
Ernst Hallin fühlte sich ein bißchen verlegen, als er in diesen Salon voller Menschen trat. Er paßte im allgemeinen nicht in große Gesellschaften. Ungeschickt und eckig, das fühlte er selbst, wünschte er dem Onkel und der Tante Glück, verbeugte sich steif vor den Damen, begrüßte einige der Herren, zog sich dann in eine Ecke zurück und sah sich um. Ein Mädchen bot auf einem Tablett Tee an, hinter ihr kam eine zweite mit einem Tablett voll Kuchen. Nicht weniger als vierzehn verschiedene Sorten, rechnete Frau Hallin aus.