Ernst warf einen fast feindlichen Blick auf des Bischofs derbes, gutmütiges Gesicht, stotterte ein paar Worte, blieb stehen, dienerte und wußte nicht, was er sagen sollte. Der Bischof verließ ihn unter dem Eindruck, der junge Hallin müsse ein wunderlicher Kauz sein, den man am besten einige Zeit aufs Land schickte, damit er sich beruhigte. Und beide Männer fühlten in diesem Augenblick eine gegenseitige Antipathie, über deren Ursache keiner von ihnen hätte Rechenschaft ablegen können.

Als der Bischof verschwunden war, folgte ihm Ernst langsam; er tat, als sähe er die Mutter, die ihm winkte, nicht.

Er war in sehr gereizter Stimmung. Der ganzen Gesellschaft war er feind. Warum mußten sie sich so idiotenhaft verteilen, die Herren in einem Zimmer, die Damen in einem andern und die Jugend für sich? Warum bin ich überhaupt hierhergegangen? dachte er. Und vor seiner Phantasie stand plötzlich die Tatsache, daß er nächsten Sonntag seine Probepredigt halten mußte. Der Text, die Einteilung der Predigt, die mit Menschen vollgepfropfte Kirche, die ganze Szene stand plötzlich leibhaftig vor ihm. Der Bischof würde in seinem Stuhl sitzen, ihn mit seiner herrischen Miene und seinen kalten Augen anblicken und das schwarze Scheitelkäppchen rücken. Und alle würden nach dem Bischof hinsehen und zu erraten suchen, was der dachte, und die Predigt danach beurteilen. Die Mutter würde dasitzen mit klopfendem Herzen. Und Eva! Vor ihr sollte er auftreten und lügen! Er fühlte den Beruf dazu gar nicht in sich, es war ihm gar kein unabweisliches Bedürfnis, Gottes Wort vor den Menschen zu verkünden! Das Ganze war eine Feigheit von ihm, eine schmachvolle, unverzeihliche Feigheit, die seine Seele in den Staub zerren und ihn ein ganzes langes, leeres, verfehltes Leben lang beschmutzen würde. Wie war denn das alles überhaupt zugegangen? Andere waren es, andere hatten ihn geleitet. Er selber hatte nie auch nur ein Wort zu sagen gehabt. Aber jetzt soll es ein Ende haben! dachte er. Es soll anders werden. Noch ist der Schritt nicht getan, noch kann ich umkehren, und ich werde es.

Er sah sich selber, wie er zum Vater ging und mutig und ruhig sagte: „Ich kann nicht Geistlicher werden“. Und in der Phantasie ward ihm so leicht ums Herz, als wäre alles schon vorüber und er ein freier Mensch.

Aber da sah er auch ein anderes Bild. Er sah sein ganzes Vaterhaus, den Vater, der sich sein Lebtag in der Schule geplackt hatte, die Mutter, die tagaus, tagein am Nähtisch saß oder in der Küche stand. Es war ein armes Heim, und reicher würde es nie werden. Viele Jahre lang hatten seine Eltern sich auf die Zeit gefreut, wenn er fertig sein würde, imstande, sich selber zu versorgen. Er wußte, wie sie es aufnehmen würden. Es würde sie nicht erzürnen. Sie würden sich nur davor beugen voller Bitterkeit, wie sie es immer, ihr ganzes Leben lang, getan hatten.

Ohne es zu wissen, hatte er sich eine Zigarre angesteckt und sich neben den Kachelofen im Rauchzimmer gestellt. Plötzlich weckte ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

„Über was denkt man denn da so eifrig nach?“

Es war Professor Bruhn, der mit dem dampfenden Grogglas in der einen, der brennenden Zigarre in der andern Hand vor ihm stand. „Wollen wir nicht ein Gläschen miteinander trinken?“

Ernst sah sich um. Er hatte gar nicht daran gedacht, wo er sich befand. Hastig nahm er ein Glas Punsch von einem Tablett und stieß mit Bruhn an.