Gustaf Hallin war erst spät gekommen. Er hatte seiner Mutter erklärt, er würde heute abend einmal seine Aufgaben recht ordentlich lernen, weil er ja doch nicht früh zu Bett gehen dürfte. Zum Essen käme er dann schon früh genug und hätte auch so noch ein paar langweilige Stunden zu ertragen.
Während des Essens hielt er sich an den Leutnant; er wußte, auf die Art würde er am sichersten das Beste erwischen. Der Leutnant ließ sich diesmal Gustafs Gesellschaft auch ganz gern gefallen. Er brauchte jemand, dem er zutrinken konnte; es sah schlecht aus, wenn man so ganz für sich allein trank. Im übrigen verachtete er den „Schuljungen“ ebenso tief, wie der Schuljunge die „säbelrasselnde Zuckerpuppe“ verachtete, „die zu nichts andrem gut war, als Gabrielle abzuschlecken“.
Der einzige, der nicht aß, war Ernst Hallin. Er war zu nervös und gereizt. Den ganzen Abend hatte er an Eva Baumann denken müssen. Und dennoch hatte er sich nicht überwinden können, hinunterzugehen, um sie zu sehen, sondern war wie festgenagelt bei den Herren sitzen geblieben und hatte zugehört, wie Kumlander und Svartengren ihre Studentenanekdoten erzählten.
Jetzt sah er sie. Sie stand ganz allein an einem Wohnzimmerfenster und aß Eis. Ihm war, als blicke sie nach der Seite hin, wo er stand, und mit einer plötzlichen Kraftanstrengung zwängte er sich durch die Schar von essenden und trinkenden Gästen und gelangte bis zu ihr hin.
„Guten Abend, Fräulein Eva!“ sagte er verlegen. Ihm war, als müsse sie es ihm ansehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie aber grüßte ganz kühl und reichte ihm nicht einmal die Hand. Ruhig schlürfte sie ihr Eis und sagte mit einer Stimme, aus der Ernst eine absichtliche Bosheit herauszuhören glaubte: „Haben Sie sich gut amüsiert heut abend?“
Er sah sie mit flehenden Augen an, wie ein Hund seinen Herrn, wenn er dessen Gedanken zu erraten sucht und für sich bitten möchte.
„Wie können Sie das glauben?“ sagte er, als hätte sie ahnen müssen, wie ihm zumute war.
Es wäre Ernst Hallin ja nie in den Sinn gekommen, zu denken, daß es Eva Baumann, der hübschen, stolzen Eva Baumann, den ganzen Abend grade so zumut gewesen sein könnte, wie ihm. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, so wäre er vielleicht trotz allem in das Zimmer gegangen, in dem sie saß, trotz aller neugierigen Blicke, trotz Pastor Simonson, der ganzen Welt zum Trotz. Aber er wußte es nicht, hörte nur, wie sie antwortete: „Sonst wären Sie ja doch vielleicht auf den Gedanken geraten, einmal herunterzukommen!“
Vor seinen Ohren sauste es. Den Grund ahnte er nicht, aber er begriff, daß sie böse auf ihn war; und mit einem Gefühl der Zerknirschung über seine eigene Unwürdigkeit blickte er in die dunkeln Augen, die ihm entgegenstrahlten. Nie war sie ihm so schön erschienen, wie heute. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid mit durchbrochenen Ärmeln; die ausgeschnittene Bluse ließ einen wunderbar weißen Hals sehen. Ihre Lippen bogen sich ein bißchen verächtlich und ihre Augen blickten zornig drein. Er beugte sich zu ihr vor.