Einstmals zeigte Tzarogy dem Markgrafen an, daß er einen Kurier von dem eben aus Italien zurückkehrenden Grafen Alexis Orlow[411] mit der dringenden Einladung erhalten habe, ihn zu Nürnberg auf seiner Durchreise zu besuchen. Er schlug zugleich dem Markgrafen vor, diese Gelegenheit zu benutzen, um den Helden von Tschesme kennen zu lernen. Der Vorschlag wurde angenommen, und der Verfasser begleitete den Markgrafen nach Nürnberg, wo der Graf Alexis Orlow bereits angekommen war.
Orlow kam dem Grafen Tzarogy, der nun zum ersten Mal in russischer Generalsuniform einher trat, mit offenen Armen entgegen, hieß ihn mehrere Male „caro padre“, „caro amico“ usw. Er empfing den Markgrafen mit ausgezeichneter Höflichkeit und dankte ihm vielmals für den Schutz, den er seinem würdigen Freunde gegönnt habe. Und bei dieser Gelegenheit fiel diejenige Äußerung vor, die der Baron Gleichen dem Fürsten Grégoire Orlow (den der Markgraf nie gesehen) zuschreibt[412], eine Äußerung, aus der man schließen mußte, daß Tzarogy eine große Rolle bei der Revolution von Anno 1762 in Rußland gespielt habe.
Man speiste bei dem Grafen Orlow zu Mittag. Die Unterhaltung war äußerst interessant. Man sprach viel von dem Feldzuge im Archipelago, noch mehr aber von nützlichen Erfindungen. Unter andern zeigte Orlow dem Markgrafen ein Stück unverbrennbares Holz, das nach angestellter Probe, als es angezündet wurde, weder Flammen noch Kohlen gab, sondern bloß, nachdem es wie ein Schwamm aufgeschwollen war, in eine leichte Asche zerfiel.
Nach der Tafel führte Orlow den Grafen Tzarogy in ein Nebenzimmer, in welchem sie eine geraume Zeit beisammen blieben. Der Verfasser, der an dem Fenster sich befand, unter welchem die Wagen des Grafen Orlow standen, bemerkte, daß einer von den Leuten des Grafen einen Wagen aufschloß und aus dem Sitzkästchen einen großen Beutel von rotem Leder herausnahm und in das Zimmer hinauftrug.
Man beurlaubte sich in einiger Zeit, und auf der Rückreise hatte Tzarogy alle Taschen voll venetianische Zechinen, mit denen er auf eine nachlässige Art zu spielen schien. Daß dieser Mann zuvor kein Geld hatte, wußte man ganz sicher, weil man auf alles, was ihn betraf, aufmerksam war.
Der Frau Markgräfin brachte er im Namen des Grafen Orlow eine schöne, silberne, auf den Sieg von Tschesme geschlagene Medaille. Nach der Zurückkunft zeigte er zum erstenmal sein unter kaiserlich großem Siegel ausgefertigtes Patent als russischer General, und in der Folge vertraute er dem Markgrafen, daß der Name Tzarogy ein zersetzter, angenommener Name sei, daß er eigentlich Rakoczy heiße und als letzter Sprosse von dem unter Kaiser Leopold geächteten Siebenbürgischen Fürsten Rakoczy[413] abstamme.
Alle diese Umstände zusammen genommen vermehrten die Neugierde, welche aber bald nachher auf eine, diesem sonderbaren Manne nicht sehr günstige Art gestillt wurde.
Der Markgraf reiste im Jahre 1775, begleitet von dem Verfasser dieser Bemerkungen, nach Italien. Zu Neapel erfuhr man, daß der letzte Abkömmling des Rakoczyschen Hauses, das sich dort ansässig gemacht hatte, schon längstens verstorben und von diesem Namen nichts mehr übrig sei[414]. Zu Livorno hörte man bei dem englischen Konsul Sir John Dick, daß der Unbekannte kein anderer als der berüchtigte Graf Saint-Germain sei, daß er in Italien die Bekanntschaft des Fürsten Grégoire Orlow und seines Bruders Alexis gemacht und das Vertrauen dieser Herren sich in einem hohen Grade zu erwerben gewußt habe.
Aus einer anderen, nicht minder glaubhaften Quelle brachte man in Erfahrung, daß er aus Sankt Germano, einer kleinen Stadt in Savoyen, gebürtig sei, woselbst sein Vater, der sich Rotondo genannt, Gefälleinnehmer gewesen und bei einem beträchtlichen Vermögen in ziemlichem Ansehen gestanden habe. Dieser habe seinem Sohn eine sehr gute Erziehung gegeben, sei aber nachher in Verfall geraten und wegen übler Verwaltung seines Dienstes entsetzt worden. Um den Unannehmlichkeiten zu entgehen, welche das Schicksal des Vaters dem Sohne hätte zuziehen können, habe dieser seinen Namen mit dem Namen seiner Vaterstadt vertauscht und sich Saint-Germain geschrieben. Von dieser Zeit an sei er als Abenteurer in der Welt herumgezogen, habe sich zu Paris und London Saint-Germain, zu Venedig Conte de Belle mare[415], zu Pisa Chevalier Schöning, zu Mailand Chevalier Welldone und zu Genua Soltikow genannt und könne damals ungefähr 75 Jahre alt gewesen sein.
Natürlich mußten Entdeckungen dieser Art den Markgrafen gegen einen Mann aufbringen, der auch ihn mystifizieren wollte, und der ihn über seine Herkunft und mehrere andere Dinge auf eine so unverschämte Art belogen hatte. Er gab also nach seiner im Jahr 1776 erfolgten Zurückkunft dem Verfasser dieses den Auftrag, sich nach Schwabach zu begeben, den Abenteurer über alle diese von ihm erfahrenen Nachrichten zur Rede zu setzen und ihm das Mißfallen des Fürsten über den Mißbrauch, den er von seiner Güte gemacht, zu erkennen zu geben, zugleich ihm zu bedeuten, daß er sich nicht mehr vor ihm sehen zu lassen und die Briefe zurückzugeben habe, die ihm der Markgraf von Zeit zu Zeit geschrieben. Im Fall er diese Briefe unverweigerlich zurückgeben würde, sollte ihm erlaubt sein, solange er wolle und solange er sich ruhig verhalte, zu Schwabach zu bleiben; im entgegengesetzten Fall aber sollte er arretiert, seine Papiere ihm abgenommen und er über die Grenze gebracht werden.