Seine chemischen Kenntnisse waren allem Anschein nach empyrisch. Der nun verstorbene Stadtvogt Greiner zu Schwabach, ein Mann von vielen Kenntnissen, besonders im technischen Fache, versicherte mehrmals, bei seinen Unterhaltungen mit Saint-Germain auch nicht die geringsten theoretischen Kenntnisse entdeckt zu haben.

Besonders rühmte der Marquis sich, medizinische Kenntnisse zu besitzen und durch diese zu einem hohen Alter gelangt zu sein. Seine Vorschriften bestanden besonders in einer strengen Diät[423] und dem Gebrauche eines Tees, den er Thée de Russie oder Acqua benedetta[424] nannte. Von dieser Wunderarznei erhielt der Markgraf die Abschrift des Rezepts von dem oben benannten englischen Konsul zu Livorno. Sie wurde auf der russischen Flotte im Archipelago gebraucht, um die Gesundheit der Equipage[425] unter jenem heißen Himmelsstriche zu erhalten.

Was für Ressourcen Saint-Germain gehabt haben möge, um die nötigen Ausgaben seiner Existenz zu bestreiten; dürfte schwer zu erraten sein. Verfasser dieses vermutet, er habe des Geheimnis besessen, Diamanten von Flecken zu reinigen, die man bisweilen in solchen antrifft und wodurch ihr Wert ansehnlich verringert wird. Doch ist dieses eine bloße Vermutung.

Lieblos würde es sein, diesen Mann für einen Betrüger zu erklären. Hierzu gehören Beweise, und diese hat man nicht. Solange er im Verhältnisse mit dem Markgrafen stand, hat er nie etwas begehrt, nie etwas von dem mindesten Wert erhalten, nie sich in etwas gemischt, das ihn nicht anging. Bei seiner äußerst einfachen Lebensart waren seine Bedürfnisse sehr eingeschränkt. Hatte er Geld, so teilte er’s den Armen mit. Daß er irgendwo Schulden hinterlassen, ist nicht bekannt; doch hat der Verfasser lang nachher erfahren, daß er in den letzten Zeiten seines Aufenthalts in Schwabach einen Baron von L. zu Spekulationen verleitet, die ihn um manche tausend Gulden ärmer gemacht haben. Da aber diese Sache nicht zur Klage kam, so scheint kein Betrug dabei untergelaufen zu sein. Unerklärbar bleibt es immer, durch welche Mittel dieser Abenteurer, besonders in großen Städten wie Paris und London, auf eine anständige Art leben und in der großen Welt den Zutritt bei höheren Ständen finden konnte.

Sein in jüngeren Jahren gefertigtes Porträt fand der Markgraf in Paris bei Madame d’Urfé oder Rochefoucauld[426]; er brachte eine Kopie davon zurück, und diese befindet sich noch zu Triesdorf in den Zimmern, die Saint-Germain einst bewohnte.

SAINT-GERMAIN IN LEIPZIG UND DRESDEN (1776–1777)

I
Aus den Tagebüchern des Grafen Lehndorff[427]

2. Mai 1777.

Ich treibe mich in Leipzig viel auf der Messe herum und besuche den Kupferstecher Bause und den Maler Graff[428].

Von da begebe ich mich zu dem merkwürdigsten Mann im heutigen Europa, dem Grafen Saint-Germain, der unter diesem Namen seit 50 Jahren bekannt ist, gegenwärtig aber den Namen Welldone angenommen hat, was im Englischen Wohltäter bedeutet. Von diesem Menschen behauptet man, er habe schon zur Zeit Christi gelebt. Er selbst sagt das zwar nicht, er gibt aber zu verstehen, daß er schon lange gelebt habe und nicht glaube, sterben zu müssen, und daß die Menschen, wenn sie seiner Lebensweise folgen würden, zum mindesten ein hohes Alter frei von allen Gebrechen erreichen könnten. Es steht fest, daß er selbst eine strenge Diät befolgt. Er befleißigt sich großer Mäßigkeit, trinkt nur Wasser, niemals jungen Wein und nimmt nur einmal am Tage ein leichtes Mahl ein[429]. Seine Unterhaltung ist interessant. Er predigt immer die Tugend, die Mäßigung, die Wohltätigkeit und zeigt diese Eigenschaften an sich selbst. Man kann ihm nicht die geringste anstößige Handlung vorwerfen. Er soll nicht mehr so reich sein, wie es früher den Anschein hatte. In Frankreich, in England und in Venedig gab er jährlich 6000 Dukaten aus, ohne daß man wußte, woher das Geld kam. Hier in Leipzig, sagt man, mangele es ihm an Geld, ohne daß er jedoch jemand darum angegangen hätte; statt dessen soll er aber eine Menge Diamanten besitzen.