Sein Gesichtsausdruck ist außerordentlich geistvoll. Er spricht begeisternd und treffend, liebt aber Widerspruch nicht. Er behauptet, auf dem Gesicht lesen zu können, ob jemand befähigt sei, ihn zu verstehen oder nicht. Im letzteren Fall mag er die Person nicht wiedersehen.
Was mich anbetrifft, so habe ich ihm mit großem Vergnügen zugehört. Er schien mir viel Freundschaft entgegenzubringen, so daß ich ihn in 3 Tagen wohl 24 Stunden gesehen und gehört habe. Er ist sehr fesselnd.
Man dichtet ihm übrigens vieles an, was er gar nicht gesagt hat. Einige glauben, er sei ein portugiesischer Jude; andere schätzen sein Leben auf ein paar Jahrhunderte und nehmen an, er sei irgendein entthronter Fürst. Man beschuldigt ihn, daß er die Leute glauben machen wolle, er sei der dritte Sohn des Fürsten Rakoczy[430].
Er hält sich für einen großen Physiker. Vor allem ist er Arzt und spricht viel von seinem köstlichen Pulver, das man wie Tee trinke. Ich ließ mir eine Tasse davon geben. Es schmeckte nach Anis und führte etwas ab. Unaufhörlich predigt er vom richtigen Gleichgewicht zwischen Leib und Seele. Wenn man das genau beobachte, so könne, meint er, die Lebensmaschine niemals in Unordnung geraten.
Seit meiner frühesten Jugend hatte ich von dem Manne immer reden hören, und nun bin ich entzückt, ihn hier zu treffen. Vor mehr als 30 Jahren schon erzählte man mir, wie er bei der Aufführung der „Mariamne“ in Paris, der er mit mehreren Damen in einer Loge dort beiwohnte, sehr gerührt wurde und sagte: „Ich muß es sein; denn ich habe diese liebenswürdige Fürstin gut gekannt.“ Man unterbrach ihn mit der kurzen Frage: „Sie haben also auch Jesus Christus gekannt?“ — „Nur zu gut! ich war damals ein ganz junger Mensch, als er die Geschichte im Tempel hatte, und sagte ihm sogleich: „Lieber Freund, das wird schlecht ablaufen!“[431] Mir hat er dergleichen nicht vorgeschwatzt, doch schien er mir überzeugt zu sein, daß er nicht eines natürlichen Todes sterben werde.
II
Aus dem Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Prinz Heinrich, der Prinzessin Wilhelmine von Oranien und Alvensleben
Alvensleben[432] an König Friedrich
Dresden, 10. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain, der in verschiedenen Ländern auch unter dem Namen eines Marquis von Belmar oder eines Herrn Castelane[433] aufgetreten ist, befindet sich seit Oktober unter dem Namen eines Herrn von Welldone in Leipzig. Was mich zur Erwähnung dieses Mannes bestimmt, ist, daß man öffentlich erzählt, er sei von E. M. mehrfach mit Briefen beehrt worden. Aus diesem Grunde dürfte der seltsame Mann, der für E. M. sonst wenig zu bedeuten hat, Ihre Aufmerksamkeit erregen.
König Friedrich an Alvensleben