Da ich erwartete, daß der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Graf Welldone dies Land verlassen und nicht mehr von sich reden machen würde, habe ich ihn in meinen letzten Berichten nicht mehr erwähnt. Da er sich jedoch schon über fünf Wochen dauernd hier aufhält und die Absicht geäußert hat, nach Berlin zu reisen, habe ich erneut auf ihn achtgegeben und mich nach Kräften bemüht, ihn auszuforschen. Das ist mir um so lieber, als er mir vor einigen Tagen sagte, er wolle sich unmittelbar an E. M. wenden. Vielleicht wird er mir noch heute einen Brief für E. M. zusenden, in dem er sich auf Geheimmittel bezieht, die nach seiner Behauptung ans Wunderbare grenzen. Sein Plan und E. M. Wunsch, Näheres von ihm zu erfahren, entschuldigen mich vielleicht, wenn ich allzusehr auf Einzelheiten eingehe, um nach meiner schwachen Einsicht ein Charakterbild dieses angeblichen Wundermannes zu entwerfen.
Seine Äußerungen über seine Persönlichkeit, die ich selbst gehört habe, sind voller Eitelkeit und Hochmut. Verschiedene Unterhaltungen, die ich mit ihm hatte, seine Komplimente, die er urteilslos und wahllos an jeden verschwendet, und die lebhaften, ernstlichen Debatten, in die er sich leicht einläßt, bestimmen mich zu folgendem Urteil. Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste, aber völlig urteilslos, und seinen eigenartigen Ruf hat er nur durch die niedrigste und gemeinste Schmeichelei erlangt, deren ein Mensch fähig ist, sowie durch seine hervorragende Redegabe, zumal wenn man sich durch den Eifer und die Begeisterung hinreißen läßt, mit der er sich auszudrücken versteht und die auf schwache Gemüter stets Eindruck macht. Dazu ist seine Redeweise mit allerlei oberflächlichen Kenntnissen und Tatsachen verbrämt, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da sie aber in einem so wenig klaren Kopfe wie dem seinen schlecht geordnet sind, wird daraus ein dauerndes wirres Gerede, sobald er aus seinem Hohlkopf neue Gedanken entwickeln will. Maßlose Eitelkeit ist die Triebfeder, die den ganzen Mechanismus in Bewegung setzt, und diese Eitelkeit muß volle Befriedigung finden, wenn er von jüdischer Abstammung ist, wie die Leute behaupten, die ihn am besten zu kennen glauben. Denn es ist sicher erwiesen, daß er lediglich wegen seiner Gauklerkünste Eingang in die Häuser der Großen findet und von vielen mit stummer Bewunderung, die an Verehrung grenzt, als ein neuer Prophet angesehen wird.
Sein Alter — er ist nahezu 70 Jahre — und seine zahlreichen Reisen, die er in Europa, an den Küsten Afrikas, in Ägypten und Kleinasien gemacht haben will, haben seinen Kopf mit zahlreichen Anekdoten und vielen, vielleicht sehr oberflächlichen Handelsprojekten erfüllt. Dadurch ist er auch in Gesellschaft anregend und unterhaltend, solange er bloß erzählt. Sobald er aber eigene Gedanken entwickeln will, zeigt sich seine ganze Schwäche. Denn dann gerät er mit dem gesunden Verstand und mit den klar bewiesenen Grundbegriffen in Widerstreit. Aber wehe dem, der ihm zu widersprechen wagt! Dann kennt er keine Grenzen mehr, speit Feuer und Flamme und redet mit einer Begeisterung, daß man Angst bekommen könnte. Ja, dann geht er so weit, Bannflüche gegen jeden Zweifler an seinem System zu schleudern, obwohl dies System sich selbst widerlegt und in Widersprüche verwickelt. Wenn aber trotzdem jemand den Mut hat, ihm die Stirn zu bieten, nicht an seine Lehren zu glauben und sie mit Gründen zu bekämpfen, erwählt er das klügere Teil und schweigt still.
Wer ihn so reden hört, ist stets geneigt, sich für seinen engsten Vertrauten zu halten. Allerdings fühlt man sich etwas gedemütigt, wenn man bemerkt, daß die Zahl seiner Vertrauten mit der Zahl seiner Bekannten in gleichem Maße wächst. Seine Schmeichelei erschöpft alles, was die ausschweifendste Phantasie zu ersinnen vermag. Ich sah Leute darüber erröten, die sonst nicht gerade an Bescheidenheit leiden. Um E. M. nicht durch Wiederholung all seiner platten Schmeicheleien zu ermüden, will ich als einziges Beispiel dafür anführen, daß er mir vertraulich versichert hat, ich spräche wie eine Perle des Orients, ein Ausdruck, den er besonders betonte.
Er spricht fließend französisch, aber Kenner versichern, daß er dabei viele fremdartige Wendungen einfließen läßt. Auch beweisen zahlreiche Briefe, die er an hiesige Damen gerichtet hat, daß er die Gabe hat, Ausdrücke zu prägen, die der Französischen Akademie gewiß noch unbekannt sind.
Er nennt sich Fürst Rakoczy, und zum Beweise seines besonderen Vertrauens sagte er mir noch, er hätte zwei Brüder[438], die aber so niedrig dächten und so wenig hohen Sinn hätten, daß sie sich ihrem elenden Lose unterwürfen. Er dagegen habe zu einer gewissen Zeit den Namen Saint-Germain angenommen, das bedeute: „der Heilige der Brüder“.
Wie er sagt, hat er fünfzehn Jahre lang einen Franzosen namens Boissy in Indien und China auf seine Kosten gehalten, um sich durch ihn alle Stoffe und Kenntnisse zu verschaffen, deren er bedurfte.
Er verachtet alle Ärzte, Arzneien und Hausmittel; trotzdem vertreibt er ein Pulver, von dem er Wunderdinge erzählt, und er selbst duftet wie eine wandelnde Apotheke.
Er hat mir eine Liste seiner Geheimmittel[439] gezeigt, aber ich sah sie nur einen Augenblick. Sie umfaßt über zwanzig Punkte, läßt sich jedoch, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, auf folgende zusammenziehen:
1. Färben von Häuten in den kräftigsten Farben.