Wenn dieser Saint-Germain wirklich 200 Jahre zählt, ohne daß er danach aussieht, so ist er zweifellos ein Adept.

IV
Aus dem Briefwechsel des Prinzen Friedrich August von Braunschweig[454]

Dubosc[455] an Prinz Friedrich August

Leipzig, 15. März 1777.

Im Besitz des huldvollen Schreibens Eurer Hoheit[456] hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als dem angeblichen Grafen Saint-Germain den Brief[456] zu senden, mit dessen Übermittlung Eure Hoheit mich beauftragt hatten. Ich habe der Sendung eine sehr dringende Aufforderung beigefügt, gemäß den Wünschen Eurer Hoheit seine Abreise nach Berlin nicht aufzuschieben. Ich hätte ihm das mündlich und nicht schriftlich sagen müssen, aber wir haben uns entzweit, weil ich ihm gegenüber Mißtrauen für angezeigt hielt.

Nachstehend eine kurze Darstellung unserer flüchtigen Beziehungen. Nach einem rätselhaften Aufenthalt von etwa drei Monaten kam der jetzige Graf Saint-Germain, der damals unter dem Namen Graf Welldone bekannt war und geflissentlich durchblicken ließ, daß dies nur ein Deckname für seinen wirklichen Namen Fürst Rakoczy sei, auf den Einfall, sich mit mir anzufreunden. Ich gestehe, daß ich aus Mißtrauen über diesen Annäherungsversuch nicht so geschmeichelt war, wie ich es hätte sein sollen. Wurde er doch von einem Manne von Stand gemacht, der angeblich das höchste Wissen besaß und nach seiner Versicherung nur zur Bereicherung und Beglückung der Menschheit lebte. Heftig kämpfte in mir meine Abneigung mit dem heißen Wunsche, meine Einsicht zu vergrößern und zu berichtigen.

Unsere erste Zusammenkunft begann mit Lobeserhebungen über seine Talente und gewaltigen Leistungen in der Chemie, über die große Rolle, die er in Rußland gespielt hätte, über seine Teilnahme am Krieg im Archipel[457] (den er aber gar nicht mitgemacht hat), über seinen Beruf der Menschheitsbeglückung, über die Millionen, die er für Wohltaten ausgegeben hätte. Schließlich wandte er sich meiner Person zu, rühmte meine Kenntnisse, meine Rechtschaffenheit und viele andere Vorzüge. Höchst sonderbar! Woher wußte er das wohl? Denn er kannte mich ja gar nicht, und ich selbst erkannte mich in diesem Charakterbild nicht wieder. Darauf zeigte er mir Seidenstoffe in allen möglichen Farben, gewöhnliches Leder, aus dem Maroquin oder feines Leder von verschiedener Farbe gemacht, grobes Leinen, das in spanische Leinwand umgearbeitet war. Er sprach von seinem Geheimverfahren zur Verbesserung von Edelsteinen und von anderen unwichtigeren Geheimmitteln.

Als ich ihn verließ, war ich überrascht von seiner Zungenfertigkeit und Überredungskunst, aber keineswegs überzeugt. Wir sahen uns noch mehrere Male; jede Sitzung dauerte sieben Stunden. Ich hatte Zeit genug, um meine Zweifel zu bestärken; ich überzeugte mich, daß er keineswegs ein Adept war. Ich sah in ihm nur einen geistvollen Mann, der viel gelesen, gesehen und versucht hat, einen Mann, der ein paar Geheimmittel und verschiedene chemische Kenntnisse besaß, ohne deswegen ein methodischer Forscher geworden zu sein, kurz einen Mann ohne festes System. Ich erkannte, daß er nichts weniger als Theosoph war, daß er weit entfernt war, das unendliche All in der Gesamtheit der einzelnen Teile zu sehen oder einen rechten Begriff von der schöpferischen Ursache aus der Analyse der Schöpfung zu gewinnen.

Es schien mir, daß ein Mann, der nur auf der Welt ist, um sie zu beglücken und Schätze auszuteilen, nicht in die Lage kommen kann noch darf, daß es ihm an allem fehlt und daß er keinen Groschen hat. Ich gebe zu, daß ein Adept in der bescheidensten Weise auftreten kann, aber er ist nie in dringender Notlage; er prahlt nie mit seiner Einsicht noch seiner Herkunft. Er ist, was er sein soll: schlicht, offen und ehrlich.

Mein Roman endete schließlich, wie ich es voraussah. Er borgte mich in Erwartung seiner Reichtümer an, ich hielt es aber nicht für angezeigt, ihm etwas zu leihen. Damit endeten unsere Beziehungen.