Leipzig, 12. April 1777.
Auf Befehl Eurer Hoheit will ich mit dem angeblichen Saint-Germain sprechen. Hoffentlich macht meine Vorhaltung mehr Eindruck, als ich erwarte. Der Mann weiß sich nicht besser ins Licht zu setzen, als dadurch, daß er mit geheimnisvoller Miene Briefe vorzeigt, deren Inhalt einen hohen Begriff von ihm geben kann. Derart gelingt es ihm, für einen Wundermann zu gelten.
Hat man recht viele Anekdoten aus seinem Leben gehört und vergleicht man sie miteinander, so kommt man allmählich hinter seine Schliche. Ich möchte jetzt wetten, daß er jüdischer Abstammung ist. Er ist eine Weile in einer Kattunfabrik in Moskau gewesen, weil er Farben herstellt, worin er nach seiner Behauptung große Kenntnisse besitzt. Da er sich dort nicht zu halten vermochte, scheint das Gegenteil bewiesen. Hält man diesen Umstand mit der Zeit seiner Reise nach Rußland zusammen, so ergibt sich, daß es derselbe Fremde ist, mit dem einer meiner Freunde[468], ein höchst kenntnisreicher Mann, die Reise nach Moskau teilweise gemacht hat. Das stimmt sowohl mit der Zeit, wie mit den Talenten, deren er sich rühmte, und der Schilderung, die mein Freund von ihm gemacht hat. Hier erzählt er immerfort, er sei am russischen Hofe wohlbekannt und sehr beliebt und habe dort eine große Rolle gespielt. Das alles beweist zum mindesten, daß er stark aufschneidet.
Gestern unterhielt ich mich sehr lange mit einem meiner Freunde, einem großen Steinschneider, der auf alles, was darauf Bezug hat, sehr erpicht ist. Er kennt unseren Sonderling gut, weiß über ihn Bescheid und hat sich nach seinem Geheimverfahren zur Herstellung wie zur Verbesserung von Edelsteinen erkundigt. Wie er mir beteuerte, kann Saint-Germain keine Edelsteine herstellen noch fehlerhafte Diamanten verbessern und vervollkommnen. Das Verfahren, dessen er sich rühmt, kann sich höchstens auf Topase oder Halbedelsteine beziehen; er hat einen Versuch mit braunen Topasen gemacht, und zwar mit Erfolg; sie sind ganz weiß geworden. Mein Freund hat den Versuch mit Diamanten mehrfach wiederholt, aber vergeblich; das Mittel blieb völlig wirkungslos.
Die einzigen Steine, die Saint-Germain besitzt und die er sehr hoch veranschlagt, stammen aus einem Bergwerk, das er in Rußland entdeckt hat und das er nach seiner Behauptung ausbeuten darf. Er macht erstaunlichen Lärm darüber und möchte den Leuten weismachen, daß sich daraus ein sehr ertragreicher Handelszweig machen ließe. Man hat ihm jedoch bewiesen, daß dazu keine Aussicht ist; denn diese Steine bestehen aus einer Kristallart, die zwar sehr hart ist, aber weit unter den Topasen steht, da sie weder deren Schönheit noch Glanz haben. Sie sind wie die Kieselsteine, die man bei uns und anderswo findet.
Es ist sehr wohl möglich, daß Herr von Sagramoso[469] ihn in Florenz, Pisa und Venedig gesehen hat, denn er hat sich tatsächlich in Italien herumgetrieben. Aber bei aller schuldigen Hochachtung vor der Einsicht des Herrn von Sagramoso kann ich nicht so günstig von ihm denken wie dieser. Sonst müßte er sich seither gewaltig verändert haben. Aber warum soll ein Mensch sich zum Schlechteren verändern? Auf diese Weise behauptet man weder seinen Ruf noch erwirbt man Anhänger. Ich bleibe also bei meiner Ansicht: Er ist einschmeichelnd, geschmeidig, er redet allen nach dem Munde, aber wehe dem, der auf ihn hereinfällt! Graf Orlow kann ein Lied davon singen[470]. Ob Saint-Germain schon einmal in Dresden war, bezweifle ich; niemand hat ihn dort gesehen. Er redet von so vielen Städten, aber von Dresden sagt er kein Wort. Auch hier muß ich mich über Herrn von Sagramoso wundern.
Saint-Germain ist noch hier; er hat sich nicht gerührt. Graf Marcolini, der eigens hergekommen ist, um mit ihm zu sprechen und ihn nach Dresden mitzunehmen[471], falls er mit ihm zufrieden wäre, ist schleunigst wieder abgereist und hat ihn hier gelassen. Das beweist nicht gerade, daß er befriedigt war. Trotzdem muß Herr von Sagramoso, der den Grafen Marcolini begleitete, von Saint-Germain eine hohe Meinung gehabt haben. Dieser lebt hier weiter im Dunkeln und macht einige Bekanntschaften, aber es dauert nie lange; man überwirft sich sehr bald mit ihm.
Herzog Karl von Kurland[472] an Prinz Friedrich August
Dresden, 22. April 1777.
Bruder B[ischoffwerder] ist diese Nacht nach Leipzig abgereist, wo er rechnet, die Bekanntschaft des seltsamen Mannes zu machen, der sich seit einigen Monaten in Leipzig aufhält und über dessen Kenntnisse wir noch im unklaren sind.