Stich von Friedr. Wilh. Nettling
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER LADY CRAVEN[100]
Ein anderer Wundermann war Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle spielte und hier, wie auf seinen Reisen, von der Leichtgläubigkeit der Menschen Vorteil zog. Der Graf von Lamberg[101] war sein Johannes gewesen und hatte ihn feierlich verkündet. Dieser Graf von Saint-Germain hatte mehrere tausend Jahre gelebt und mit den ausgezeichnetsten historischen Personen aller Jahrhunderte genauen Umgang gepflogen; denn er war im Besitz eines Tees, der alle Krankheiten vertrieb und ein wahres Kraut gegen den Tod war. Nur zu seiner Unterhaltung machte er Diamanten von unermeßlicher Größe. Als ein Unsterblicher nahm er nie leibliche Nahrung zu sich. Wenn er bei den Großen zur Tafel geladen worden, berührte er kein Brot, kein Fleisch, setzte kein Glas an seine Lippen, sondern begnügte sich, der Gesellschaft aus dem Schatz seiner tausendjährigen Erfahrung allerlei lehrreiche Geschichten zu erzählen. Mit Cäsar hatte er sich oft über die Mittel unterhalten, der in Verfall geratenen römischen Republik durch eine monarchische Verfassung ein neues, frisches Leben zu geben. Cäsar hatte darüber ganz eigene Ideen gehabt, die durch Unterhaltungen mit den Druiden in Britannien[102] in ihm geweckt worden. Einer von diesen Druiden sei sogar Privatsekretär bei Cäsar gewesen, und Saint-Germain hätte von ihm über den alten Zustand von Britannien viel Interessantes erfahren. Den Apostel Petrus hatte der Graf sehr genau gekannt und ihm oft freundschaftlich geraten, seine Heftigkeit zu mäßigen. Johannes sei ein schlanker, hübscher Mann gewesen, von sanftem Charakter und etwas zum Mystizismus geneigt; er habe seine Schriften dem Saint-Germain vor der Bekanntmachung mitgeteilt, der auch einige dunkle Stellen korrigiert habe.
Solche und ähnliche Geschichten erzählte der Graf mit der größten Ernsthaftigkeit, und gelehrte Männer hatten dabei nicht selten Gelegenheit, seine historischen Kenntnisse zu bewundern.
Er gesellte sich zuletzt zu dem Prinzen Karl von Hessen, dem er den Kopf verdrehte. Am Ende aber wurde dieser Unsterbliche des Lebens müde und starb wie jeder andere gewöhnliche Mensch, und wie alle seine Vorgänger auch getan haben.
AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DER MARQUISE VON CRÉQUY[103]
Die Marquise von Urfé[104] trachtete immerfort nach dem Pulver zur Verwandlung von Kupfer in Gold und arbeitete Tag und Nacht, um sich ein Lebenselixier herzustellen. Sie verließ ihr Laboratorium kaum noch und gewährte nur wenigen Zutritt dazu. Ihr Verkehr beschränkte sich auf Adepten und Rosenkreuzer[105]; sie ging nur noch mit Öfen, Retorten und Destillierkolben um. Vier Jahre lang arbeitete sie mit dem angeblichen Grafen von Saint-Germain an Kabbala und dem Stein der Weisen, was ihr 100000 Taler gekostet hat ...
Der Graf von Saint-Germain war ein Zeitgenosse Christi, des Kaisers Tiberius und des Vierfürsten Herodes von Galiläa, von dem er eine dicke braune Haarsträhne besaß. Er kannte Pontius Pilatus aus Jerusalem und aus Grenoble, seinem späteren Exil, aber dieser Mann war ein solcher Tropf, daß er vor Bekanntwerden der Evangelien nur eine undeutliche Erinnerung an Christus hatte ...
Eines Tages besuchte ich Frau von Urfé in Gesellschaft der Gräfin von Brionne. Obwohl die Alchimistin kaum noch Besuche annahm, wurde die Toreinfahrt beim Anblick meiner Livree geöffnet, und wir gingen hinauf. Man führte uns ohne Anmeldung zu ihr, wie es in diesem geheimnisvollen Hause Brauch war, und wir fanden die Marquise — es war im Juli — bei einem starken Kaminfeuer sitzend. Ihr gegenüber saß ein Mann, der wie zu Olims Zeiten gekleidet war. Auf dem Kopfe trug er eine große betreßte Kappe. Beim Erscheinen der Gräfin nahm er sie weder ab, noch stand er auf. Sie war darob sehr betroffen.
„Ich habe gestern einen Brief von Herrn von Créquy-Canaples erhalten“, sagte die Marquise von Urfé zu mir. „Er klagt, daß er in den Hundstagen im Artois friert.“ Teilnehmend setzte sie hinzu: „Er ist offenbar nicht mehr klar im Kopfe.“