„Es wäre mir lieber gewesen,“ fuhr ich etwas frostig fort, „wenn der Herr uns gesagt hätte, daß ich die Marquise von Créquy bin. Der Kardinal von Créquy“, setzte ich hinzu, „ist nie etwas anderes gewesen als Bischof von Nantes und Amiens, Erzbischof von Tyrus und Patriarch von Alexandria. Auch das Beiwort alt trifft auf ihn nicht zu, denn er starb mit 45 Jahren an der Pest, und was das dumme Zeug anlangt, das er bei der ersten Tagung des Konzils von Trient im Jahre 1545 geredet haben soll, so darf man ihm keinen allzu schweren Vorwurf daraus machen, denn er war damals erst fünf bis sechs Jahre alt ...“
„Madame, Sie beleidigen mich!“
„Nein, mein Herr, ich gebe Ihnen bloß eine Antwort, und ich beleidige Sie so wenig damit wie die Wahrheit.“
„Ich wette um 10000 Louisdors.“
„Mein Herr, ich lebe vom Ertrag meiner Landgüter und habe nicht 10000 Louisdors zu verwetten.“
„Dann wette ich um 100 Louisdors.“
„Lassen Sie es dabei bewenden“, entgegnete ich ihm in gebieterischem Tone, so daß er seine Schwindeleien und Grobheiten herunterschlucken mußte. „Nur Engländer oder Lakaien können eine Dame mit ‚Ich wette! Ich wette!’ herausfordern. Und auch nur, wenn sie keine triftigen Gründe haben.“
Frau von Urfé, die ich dabei anblickte, schien mir lächerlich verwirrt. Sie bat mich, weder zu Hause noch sonstwo darüber zu reden; denn sie fürchtete sich vor dem Kardinal Fleury[108], der kein Freund der Schwindler war, und das versprach ich ihr gern. Die Folge war, daß die Tür ihres Laboratoriums mir nur noch halb geöffnet wurde, und auch nur, wenn sie allein war.
Der Baron von Breteuil hatte als Minister des Königlichen Hauses[109] in den Archiven ausfindig gemacht, daß der angebliche Graf von Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes aus Straßburg war und eigentlich Daniel Wolf hieß. Er war 1704 geboren, damals also 68 Jahre alt, während er sich als Mann von 1814 Jahren ausgab — dank einem Lebenselixier, dessen Rezept er angeblich einer ihm sehr gewogenen Königin von Judäa verdankte. Mit 68 Jahren sah er aus wie ein Mann in diesem Alter, der sich kräftiger Gesundheit erfreut. Er hielt sich gerade und hatte einen raschen Gang, sprach bestimmt und gut, wenn auch mit leichtem Elsässer Akzent. Sein Blick war fest, ja frech, seine Haut weiß und glänzend, sein weißes Haar voll, sein Bart üppig, desgleichen die Augenbrauen. Frau von Urfé pflegte deshalb zu sagen, er gleiche Gottvater[110] ...
Eine andere kräftige Abfuhr, die viel von sich reden machte und recht amüsant war, erfuhr Saint-Germain durch den Grafen von Chastellux in einer Gesellschaft bei Herrn Le Normand d’Étioles[111]. Saint-Germain hatte sich nach den Tischgästen erkundigt und sich besonders über Herrn von Chastellux Rat geholt, Bücher gelesen und sich schnell so auf sein Thema vorbereitet. Als der Graf von Chastellux gemeldet wurde, eilte er auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ein Nachkomme des Marschalls von Chastellux[112] sei, der im 14. Jahrhundert Statthalter der Normandie war. Herr von Chastellux entgegnete, er glaubte sein Nachkomme im siebenten Grade zu sein.