„Ihr erlauchter Ahn war ein Held,“ versetzte Saint-Germain. „Der König[113] bezahlte für ihn im Jahre 1418 2500 Livres Lösegeld. Ich werde mich zeitlebens erinnern, daß ich ihn als Schirmherrn des Domkapitels und Ehrendomherrn der Kathedrale von Auxerre im Chor sitzen sah. Zu dem Zweck trug er ein Chorhemd über seinem Harnisch, einen Chorherrenmantel darüber und den Marschallstab von Frankreich in der Hand. Seine ehrwürdige Mutter, Alix von Bourbon-Montpeyroux[114], war die leibliche Nichte seines Vaters. Ja, Herr Graf, dieser ehrwürdige Marschall, Ihr Vorfahr, war mein Busenfreund, und seinen ältesten Sohn liebte ich wie meinen Augapfel. Sie wissen? Sein ältester Sohn, Johann III. von Beauvoir, Herr von Chastellux und Vicomte von Avallon, der die Tochter des Herrn von Aulnery geheiratet hatte. Ich sehe sie vor mir und versichere Ihnen, sie war im Jahre 1493 eine reizende Frau! Der junge Mann hatte nur einen Fehler, er war verschwenderisch wie ein Landsknecht, und wenn er in Ihren Wäldern von Coulanges und Baserne die hohen Bäume abholzen ließ, war sein Vater wütend auf ihn. Ja, der alte Marschall war knauserig! Ich entsinne mich: eines Tages zu Ostern wollte er seine Familie und seine Leute weiter fasten lassen, weil in seiner Küche eine große Menge Fische übrig geblieben war, die er zur Fastenwoche hatte fischen lassen.“
„Verzeihen Sie, Sie verwechseln den Großvater mit dem Enkel“, entgegnete Graf Chastellux mit vornehmer Höflichkeit und größter Kaltblütigkeit. „Der Marschall war von prachtvoller Freigebigkeit. Philipp II. von Chastellux, sein Enkel, galt für — sparsam.“
Nun gab es einen chronologischen Disput und beiderseitige Zitate; der Abenteurer brauste auf, aber die Diskussion fiel durchaus zugunsten des Grafen von Chastellux und der Freigebigkeit seines Vorfahren, des Marschalls, aus. Man ließ zwei alte Bücher aus der Bibliothek holen und brachte zwei alte Spottverse von Alain Chartier und Saint-Gelais[115], die 92 Jahre auseinanderlagen, zum Beweise bei. Somit war erwiesen, daß der Graf von Saint-Germain nur ein ungeschickter und schlecht unterrichteter Schwindler war.
Eine andere schöne Geschichte ist die des Prinzen von Craon, den Saint-Germain nicht von Angesicht kannte und der eines Tages im Hotel Uzès in eine große Gesellschaft hineinplatzte, wo besagter Saint-Germain seine Flausen gerade zum besten gab und man ihm mit offenem Munde zuhörte. Es war von Nicolas Flamel[116] und seiner Frau Perronelle, ihrem Lebenselixier und ihrem sympathischen Pulver die Rede.
„Mein Gott!“ rief der Prinz von Craon, „wissen Sie denn nicht, was eben bei der Gräfin von Sennecterre geschehen ist?“
„Was denn? Was denn?“ fragte Saint-Germain, der ihr für bare 200 Louisdors ein Fläschchen seines Elixiers „überlassen“ hatte.
„Denken Sie nur, mein Herr,“ entgegnete jener, „der Herr Graf Saint-Germain, ein guter Bekannter der Gräfin Sennecterre, hat ihr aus Großmut ein Fläschchen ätherischer Flüssigkeit geschenkt, das sie verjüngen sollte, wenn sie einen Tropfen mit 50 Jahren, zwei nach vollendeten 60 Jahren, vier mit 90 Jahren und so fort nahm. Sie wollte ihrem Gatten, der erst 71 Jahre alt ist, die Sache verheimlichen. Offenbar findet sie ihn noch zu jung.“
„Keine spitzen Bemerkungen! Bitte zur Sache!“ rief die Herzogin von Uzès, die vor Ungeduld und Besorgnis umkam, da sie dasselbe Mittel eingenommen hatte.
„Frau von Sennecterre hatte ihr kostbares Fläschchen einem Fräulein Jacoby anvertraut, einer alten, biederen und sorgsamen Person. Gestern ging Frau von Sennecterre auf einen Ball, und als sie um 5 Uhr morgens zurückkommt — wen findet sie da, meine Damen? Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren, das auf allen Möbeln herumkletterte und wie ein Zicklein durch die Zimmer hüpfte. ‚Aber was ist denn das für ein dreistes kleines Ding, das da herumspringt? Wo sind meine Kammerfrauen?’ — ‚Wie, Frau Gräfin,’ erwiderte das Mädchen mit heller, kecker, kichernder Stimme, ‚Sie erkennen Fräulein Jacoby nicht, die Sie seit Ihrem vierten Jahre erzogen hat? Das ist doch arg!’ — ‚Aber wie ist denn das möglich?’ — ‚Ach Gott, ich hatte Leibweh und wollte von dem Wasser des Herrn von Saint-Germain trinken. Es hat mich so prächtig kuriert! Und doch hab’ ich nur ein Schlückchen getrunken.’ — ‚Das war wohl das mindeste, daß Sie mir ein paar Tropfen in dem Fläschchen übrig ließen’, sagte Frau von Sennecterre mit kaum verhehltem Ärger. ‚Schicken Sie mir wenigstens die Julie zum Auskleiden. Wo ist denn Julie?’ — ‚Da, Frau Gräfin’, sagte ihre alte Erzieherin und lachte wie närrisch. Damit wies sie auf ein kleines Kind von höchstens sechs bis acht Wochen, das auf dem Teppich saß und am Daumen lutschte. ‚Das ist Julie. Sie hat alles ausgetrunken, Frau Gräfin, und nun ist sie so verjüngt, daß man sie kaum mehr sieht.’“
„Ich versichere Ihnen,“ fuhr der Prinz von Craon mit unerschütterlichem Ernst fort, „man muß bei der Verabreichung des Lebenselixiers sehr vorsichtig sein. Herr von Saint-Germain bringt uns in Gefahr, wieder zu Kindern zu werden, und hat man Prozesse zu führen oder Töchter zu verheiraten, so ist es nicht immer angebracht, zum Sabberlatz und Gängelband zurückzukehren. Also man kann nicht vorsichtig genug sein.“