Herr von Saint-Germain hatte sich aus dem Staube gemacht, sobald er merkte, daß der Prinz von Craon ihn zum besten hielt. Seitdem machte sich jedermann über Saint-Germain lustig.

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN ZUR GESCHICHTE DES GRAFEN CAGLIOSTRO“[117]

Cagliostros Besuch bei Saint-Germain

Eine Satire

Sie (das Ehepaar Cagliostro) gehen nach Wien. Im Adel, in der Geistlichkeit und im Kaufmannsstand herrschte solche Unzufriedenheit, daß sie gleich weiterfahren und nach Holstein reisen. Dort hatte der berüchtigte Graf Saint-Germain sein Tabernakel errichtet[118]. Dieser große Mann genoß seit mehreren Jahren die Wonnen der Unsterblichkeit und bildete friedlich das Glück dreier Personen, die ihn mit Champagner und Ungarwein tränkten — zum Dank für den Goldstrom, den er in ihr Land geleitet hatte.

Graf Cagliostro bat ihn um eine Geheimaudienz, um sich vor dem Gott der Gläubigen niederzuwerfen. Saint-Germain gab ihm 2 Uhr nachts an.

Als der Augenblick nahte, legten er und seine Frau eine weiße Tunika an, die ein aurorafarbener Gürtel zusammenhielt und stellten sich so im Schlosse ein. Die Zugbrücke senkte sich, ein sieben Fuß großer Mann in langem grauen Gewand führt sie in einen schlecht erleuchteten Saal. Plötzlich öffnet sich eine große Flügeltür, und ein von tausend Kerzen strahlender Tempel blendet ihre Blicke. Auf einem Altar saß der Graf; zu seinen Füßen hielten zwei Ministranten goldene Schalen, aus denen süße, sanfte Wohlgerüche emporquollen. Auf der Brust trug der Gott eine Diamantplatte von fast unerträglichem Glanze. Eine große, weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen eine Schale, auf der „Elixier der Unsterblichkeit“ stand. Etwas weiter erblickte man einen riesigen Spiegel, vor dem eine majestätische Gestalt auf und ab ging. Über dem Spiegel stand geschrieben: „Zuflucht der irrenden Seelen.“

Düsteres Schweigen herrschte in dem heiligen Bezirk. Eine namenlose Stimme rief: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?“

Da warf sich der Graf Cagliostro nebst der Marquise zu Boden, und nach ziemlich langem Schweigen stammelte er:

„Ich komme, den Gott der Gläubigen, den Sohn der Natur, den Vater der Wahrheit anzurufen. Ich komme, ihn um eins der vierzehntausendsiebenhundert Geheimnisse zu bitten, die er im Busen trägt. Ich komme, um sein Knecht, sein Apostel, sein Märtyrer zu werden.“