Der Gott gab keine Antwort. Doch nach ziemlich langem Schweigen erklang eine Stimme: „Was will Deine Gefährtin?“

Sie antwortete: „Gehorchen und dienen.“

Da folgte Finsternis auf die Nacht, Lärm auf die Stille, Furcht auf Vertrauen, Verwirrung auf Hoffnung, und eine schrille Stimme sagte drohend: „Wehe dem, der die Prüfungen nicht erträgt!“

Der Graf und die Marquise wurden getrennt. Sie sah sich in ein Gemach eingeschlossen mit einem bleichen, hageren, Fratzen schneidenden Manne. Er erzählt ihr von seinem Glück auf Erden, seinen Schätzen, verliest ihr Briefe der größten Herrscher, und in plötzlicher Wendung fordert er ihr schließlich die Diamanten ab, die ihre Stirn schmücken. Entzückt, sie so leichten Kaufes los zu sein, entledigt sie sich ihrer schleunigst.

Auf diesen ersten Prüfer folgte ein Mann in sehr unanständiger Kleidung. „Bedenken Sie, Frau,“ sagte er, „daß Sie Ihre Blicke stets auf mein Antlitz richten müssen.“ Der Mann war sehr schön und hatte die ausdrucksvollsten Augen. Alles war gefährlich: ihn anzuhören, ihn anzusehen oder die Blicke zu senken.

Nach dieser peinlichen Viertelstunde kam eine Alte und sprach: „Ich allein kann Ihre Tugend erkennen. Die Prüfung, die Sie bestanden haben, besteht in der Feststellung, wie weit Ihre Sinne den Reizen kecker Jugend widerstehen können.“

„Tun Sie, was Ihres Amtes ist“, sagte die Marquise.

Die Alte tat es und übergab ihr dann ein Pergament; es war ein Patent des Widerstandes. Dann führte sie sie in einen großen Keller. Dort sah sie angekettete Männer, Frauen, die bis aufs Blut gepeitscht wurden, Scharfrichter, die Köpfe abschlugen, Menschen, die aus Giftbechern den Tod trinken mußten, glühende Eisen, Galgen mit Schandaufschriften. „Das“, sagte die Alte, „sind die Märtyrer unserer Kunst. So lohnen die Menschen, deren Glück wir uns weihen, unsere Gaben und unseren Eifer.“

Die Marquise blickte ruhigen Auges die traurigen Opfer der angeblichen menschlichen Gerechtigkeit an und verriet nicht die geringste Bewegung.

Die Prüfungen des Grafen waren anderer Art. Man versuchte ihn durch Lobsprüche zu ködern, zeigte ihm sein Weib in den Armen eines liebenswürdigen Mannes, um zu sehen, ob er aus Eifersucht in die lächerlichen Wallungen verfallen werde, die das Hirn der Ehemänner umnebeln. Schließlich las man ihm einen Abschnitt aus dem berühmten Buche der Zukunft vor, das die ihm bevorstehenden Verfolgungen enthielt.