Herr Astier[180] schreibt, daß sich in Amsterdam ein gewisser Graf Saint-Germain aufhält, der, soviel ich weiß, früher lange in England gelebt hat und einen recht sonderbaren Eindruck macht. Er spricht in ungewöhnlicher Weise von unseren Finanzen und unserem Ministerium und behauptet, mit einer wichtigen finanziellen Mission für Frankreich betraut zu sein.
Haag, 10. März 1760.
Graf Saint-Germain hat mich vorgestern hier aufgesucht. Er führte mir gegenüber dieselben Reden, wie er sie in Amsterdam geführt haben soll. Er hat soeben mein Haus verlassen; seine Gespräche drehten sich um die gleiche Sache. Er sagte mir zuerst, er könne mir unsere Finanzlage nicht trüb genug schildern; er besitze einen gewissen Plan zu ihrer Aufbesserung; mit einem Wort, er wolle das Königreich retten. Ich ließ ihn reden, soviel er wollte, und als er innehielt, fragte ich ihn, ob der Generalkontrolleur über diesen Plan Bescheid wisse. Er verneinte es und sagte bei dieser Gelegenheit viel Übles über den Vorgänger des Herrn Bertin[181]. Er schien besonders den Herren Pâris de Montmartel und Duverney[182] feindlich gesinnt. Wie er mir sagte, hätte er enge Beziehungen zum Herrn Marschall von Belle-Isle[183]; auch zeigte er mir zwei Briefe von ihm, die er seit seiner Ankunft in Holland erhalten hat. Darin spricht sich Herr von Belle-Isle anerkennend über seinen Eifer aus, aber sie enthalten nur allgemeine Wendungen und keine Einzelheiten.
Ich gestand Herrn von Saint-Germain, daß ich seinen Plan durchaus nicht begriffe. Er gab mir seinerseits zu, daß er ihn schlecht erklärt hätte, und versprach mir, ihn mir morgen mitzubringen. Ich fragte ihn, was seine Reise nach Holland mit diesem Plane zu tun hätte. Er gab mir darauf keine klare Antwort und sagte nur, sein allgemeines Vorhaben sei, uns den Kredit der vornehmsten hiesigen Bankhäuser zu sichern.
Ich werde mich beehren, Herr Herzog, Ihnen am nächsten Freitag (14. März) zu berichten, was Herr von Saint-Germain mir morgen etwa sagt und mitteilt. Ich weiß nicht, ob alle seine Behauptungen völlig wahrheitsgemäß sind, aber er hat sicherlich sehr ungewöhnliche Ansichten.
Haag, 11. März.
Herr von Saint-Germain hat mir seinen Plan mitgeteilt, der Herrn Bertin bekannt ist und sogar von ihm empfohlen wird.
Graf Saint-Germain an die Marquise von Pompadour
[Haag] 11. März 1760.
Gnädige Frau. Meine reinen und aufrichtigen Wünsche für die Wohlfahrt Ihres verehrten Volkes und für Sie selbst werden, wo ich auch in Europa weile, unverändert bleiben. Doch will ich nicht unterlassen, Ihnen Beweise dafür in aller Reinheit, Aufrichtigkeit und Stärke zu geben. Ich bin jetzt im Haag und wohne beim Grafen Bentinck, Herrn van Rhoon, zu dem ich enge Beziehungen habe[184]. Ich war so erfolgreich, daß ich glaube, Frankreich hat keinen verständigeren, treueren und beständigeren Freund. Des seien Sie versichert, gnädige Frau, wenn Sie auch das Gegenteil davon hören sollten.