Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 21. März 1760.
Graf Rhoon van Bentinck hat mich nicht nur durch Herrn von Saint-Germain unterrichtet, sondern mir auch durch andere Personen sagen lassen, wie sehr ihm daran liege, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Ich gab zur Antwort, da ich bisher keinerlei Beziehungen zu ihm gehabt hätte, schiene es mir zwecklos, jetzt damit zu beginnen. Ich wäre jedoch stets bereit, mit Personen zusammenzugehen, die es als gute holländische Patrioten für ihr Land für vorteilhaft hielten, die Freundschaft und das Wohlwollen Seiner Majestät zu pflegen. Ich wüßte, daß Herr von Bentinck diese für sein Land wie für ihn selbst so wünschenswerten Grundsätze stets außer acht gelassen hätte und daß seine diesbezügliche Sinnesänderung Beweise von längerer Dauer erheischte, als ihm recht sein möchte. Er hat meine Antwort erhalten, sich dadurch aber nicht entmutigen lassen.
Ich hielt mich für verpflichtet, den Ratspensionär[187], Herrn van Slingelandt[188] und Herrn von Hompesch zu benachrichtigen. Wie sie mir sagten, wünscht Herr von Bentinck eine Annäherung an uns nur, um seinen Kredit hier und in England aufzufrischen, und er möchte wahrscheinlich zu einem der Bevollmächtigten der Republik auf dem künftigen Kongreß[189] ernannt werden.
Haag, 5. April 1760.
Ihren Erlaß vom 19. März über den Grafen Saint-Germain kann ich erst heute beantworten, weil das indiskrete Benehmen dieses Abenteurers (um nicht mehr zu sagen) mir Nachforschungen nötig erscheinen ließ, bevor ich Ihnen Bericht erstatte. Aber dies Benehmen ist derart, daß ich es für meine Pflicht halte, es zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen.
Am Tage nach Empfang Ihres Schreibens suchte Herr von Saint-Germain, der aus Amsterdam kam, mich auf. Er kam mit Herrn von Brühl und Kauderbach[190] und sagte mir, die Herren wollten mit ihm zum Grafen Golowkin[191] nach Ryswijk, wohin auch ich wollte. Ich sagte Herrn von Saint-Germain, daß ich ihn vorher zu sprechen wünschte, und teilte ihm zugleich den Inhalt Ihres Schreibens über seinen Plan mit. Er war davon niedergeschmettert. Zuletzt bat ich ihn, am nächsten Morgen um 10 Uhr zu mir zu kommen. Kurz darauf teilte ich Kauderbach den Inhalt Ihres Schreibens mit, worauf er sofort beschloß, Saint-Germain nicht nach Ryswijk mitzunehmen.
Saint-Germain ist nicht zu mir gekommen, und da ich glaubte, meine sehr deutlichen Erklärungen würden hinreichen, um ihn vorsichtig zu machen, ja ihn zum Verlassen des Landes bestimmen, so hielt ich es nicht für erforderlich, ihn nochmals zu mir zu bitten, sondern ließ es dabei bewenden, das, was Sie mir geschrieben haben, an die vornehmsten Vertreter der Republik und an einige fremde Gesandte mitzuteilen, sowie Herrn Astier in Amsterdam anzuweisen, die größten Bankhäuser vor den etwaigen Vorschlägen Saint-Germains zu warnen. Wie Herr Astier mir mitteilte, haben unter anderen die Herren Thomas und Adrian Hope seinen Aufenthalt bei ihnen als sehr lästig und peinlich empfunden und wollen die erste Gelegenheit wahrnehmen, um ihn loszuwerden.
Aber die beiden Briefe des Marschalls Belle-Isle, die Sie mir gesandt haben, scheinen mir zu beweisen, daß der Mann sich nicht an die ihm von mir erteilten Weisungen gehalten hat, sondern uns in neue Schwierigkeiten verwickeln wird. Diese Briefe erhielt ich Dienstag (1. April). Ich ließ Herrn von Saint-Germain auffordern, mich am Mittwoch früh aufzusuchen, aber er kam nicht, und vorgestern, am Donnerstag, sagte mir der Prinz von Braunschweig[192] in Gegenwart der Herren Golowkin und von Reischach[193], nachdem wir ihm unsere Gegenerklärungen[194] mitgeteilt hatten, er hätte erfahren, auf Befehl Seiner Majestät seien die Briefe, die Saint-Germain nach Versailles gerichtet hat, an mich übersandt worden. Wahrscheinlich würde ich bald noch andere erhalten; denn er wisse, daß Saint-Germain noch mehrere sehr lange geschrieben hätte, seit ihm mein Haus von mir verboten sei. Er selber hätte sich bestimmt geweigert, ihn zu empfangen. Trotzdem sei ihm bekannt, daß er andere Personen gesehen hätte und daß dieser Mensch hier noch immer Ränke spänne. Es ließe sich ihm zwar nichts zur Last legen, aber er sei in diesem Augenblick und hierzulande eine sehr gefährliche Person, und ein Mensch von solcher Dreistigkeit könne eine Unterhandlung durch einen einzigen Schritt erschweren und verzögern. Nun glaubte ich das Wort ergreifen zu müssen und sagte zum Prinzen Ludwig, ich sei vollauf ermächtigt, ihm sowie den Herren Golowkin und Reischach zu erklären, daß Saint-Germain von uns völlig desavouiert werde und daß auf irgendwelche Äußerungen von ihm über unsere Angelegenheiten oder unsere Regierung nichts zu geben sei. Ich sagte dem Prinzen von Braunschweig ferner, wenn er Gelegenheit habe, Herrn Yorke[195] zu sehen, vielleicht am gleichen Tage, so bäte ich ihn ernstlich, ihm von mir aus die gleiche Erklärung abzugeben. Dasselbe tat ich gestern morgen beim Ratspensionär und beim Greffier[196].
Vorgestern Abend, nach meiner Rückkehr aus Ryswijck, sandte ich zu Herrn von Saint-Germain und ließ ihn um seinen Besuch bitten. Er war nicht zu Hause. Ich sandte ihm eine schriftliche Einladung, mich gestern früh um acht Uhr aufzusuchen. Ich mußte nochmals nach ihm schicken; schließlich kam er. Ich hielt es nicht für angezeigt, ihm die Briefe des Herrn von Belle-Isle zu übergeben, da er schlechten Gebrauch davon machen könnte, aber ich sagte ihm, der Herr Marschall hätte mir auf ausdrücklichen Befehl des Königs geboten, alles anzuhören, was er mir zu sagen hätte. Ich fragte ihn, ob seine Eröffnungen sich auf unser Militär bezögen; er verneinte es. Ich fragte ihn, ob sie unsere Flotte oder unsere Finanzen beträfen. Er verneinte es gleichfalls. Hierauf entgegnete ich, sie könnten also lediglich politischer Natur sein, und darauf las ich ihm alles vor, was Sie mir über sein ihm bevorstehendes Schicksal bei seiner Rückkehr nach Frankreich geschrieben haben. Anfangs trug er große Gleichgültigkeit zur Schau, dann drückte er sein Erstaunen über die Behandlung aus, mit der man einen Mann seines Ranges bedrohe, aber schließlich schien ihn die Sache zu verwirren. Da er indes anscheinend nicht gesonnen war, den Plan, den sein Betätigungsdrang ihm eingibt, fallen zu lassen, warnte ich ihn beim Abschied nochmals sehr ernstlich und sagte ihm, wenn er sich noch weiterhin irgendwie in die Angelegenheiten und Interessen Seiner Majestät einmische, so würde ich Ihnen das melden und hier öffentlich sagen, daß alles, was er hier verbreitet habe, von Seiner Majestät und dessen Ministern völlig dementiert werde.