Dienstag, 15. April 1760.

Der Ratspensionär erzählte mir, d’Affry habe ihm die in der letzten Nacht durch Kurier überbrachten Befehle gezeigt, in denen es hieß, daß Saint-Germain „ein bloßer Landstreicher“ sei, und daß alles, was er etwa vorgebracht habe, dementiert werden solle. Es solle Klage gegen ihn erhoben, er solle festgenommen und nach Lille zur weiteren Überführung nach Frankreich gebracht und dort eingekerkert werden[218] ... Demgegenüber entwickelte ich meine Ansicht, daß Saint-Germain, wie andere Fremde, im Vertrauen auf den Schutz der Gesetze hergekommen sei und auf seine persönliche Sicherheit rechne; daß er kein Kapitalverbrecher sei, wie Mörder oder Giftmischer, denen kein Herrscher Schutz gewähre, und daß das Asylrecht in unserer Republik als geheiligt gelte ... Er stimmte dem zu, schien aber sehr besorgt wegen der Aufnahme in Frankreich.

Darauf ging ich zum Greffier, der mir in Gegenwart des Ratspensionärs und ebenso wie dieser von d’Affrys Besuch und seinen Forderungen erzählte und daß er ihm geraten habe, sich an die Regierung selber zu wenden usw., daß er aber nicht glaube, die Regierung werde jemand ausliefern, der im Lande im Vertrauen auf dessen Schutz lebe, und der sich kein scheußliches Verbrechen, dem kein Herrscher Schutz gewähre, habe zu schulden kommen lassen.

Mittwoch, 16. April 1760.

Als ich Yorke mitteilte, was ich soeben über Saint-Germain gehört hatte, erwartete ich, er werde ihn in Schutz nehmen; denn Yorke hatte mit Saint-Germain zu verhandeln begonnen und ihn ermutigt. Ich habe seine Originalbriefe an Saint-Germain selbst gesehen; sie sind sehr freundlich und ermutigend. Statt aber Saint-Germain in Schutz zu nehmen, nahm er seinen harten, hochmütigen und anmaßlichen Ausdruck an und sagte, es sei ihm „sehr lieb, Saint-Germain in den Händen der Polizei zu sehen“. Ich war wie vom Donner gerührt und sagte ihm mit voller Absicht meine Meinung, freilich in sehr höflicher und vorsichtiger Weise, um ihn nicht zu verletzen. Aber Yorke blieb dabei und sagte, er „wüsche sich betreffs Saint-Germains die Hände in Unschuld“. Auch verweigerte er mir einen Paß für das Paketboot, um den ich ihn bat. Als ich ihn drängte, sagte Yorke schließlich, wenn ich einen Paß als persönliche Gunst erbäte, werde er ihn mir „mit Rücksicht auf meine Stellung“ nicht abschlagen. Ich nahm es an und betonte, daß d’Affry uns eine Menge Scherereien machen könne, denen sich vorbeugen ließe, wenn man Saint-Germain die Flucht ermöglichte. Darauf rief Yorke seinen Sekretär und ließ einen Paß bringen, den er unterzeichnete und mir unausgefüllt aushändigte, so daß Saint-Germain seinen eigenen Namen oder irgendeinen anderen hineinsetzen konnte, um sich den Verfolgungen d’Affrys oder seiner Agenten zu entziehen. Ich ging mit dem Paß fort, ohne Yorke zu zeigen, wie sehr ich über diesen Vorfall verletzt und empört war.

18. April 1760.

D’Affry besuchte mich, und als er von Linnières und seinen Beziehungen zu Saint-Germain sprach[219], fiel mir dieser Name auf und erregte meine Neugierde, da ich viel über ihn in England gehört hatte, wo er längere Zeit gewesen war und in den besten Kreisen verkehrt hatte. Kein Mensch dort wußte, wer er war. Aber das wunderte mich nicht, da es in England keine Geheimpolizei gibt. Um so erstaunlicher war dagegen, daß er in Frankreich unbekannt war. Nur der König, so erzählte d’Affry, kannte ihn, und in England, wie er glaubte, der Herzog von Newcastle. Ich berichtete d’Affry, was ich über Saint-Germain, sein Gebaren, seinen Reichtum, sein prächtiges Auftreten gehört hatte, ebenso über die Regelmäßigkeit, mit der er seine Schulden bezahlte, und über die großen Summen, die er in England, wo das Leben teuer ist, ausgab usw. Darauf bemerkte d’Affry, sicher wäre er ein merkwürdiger Mann; die seltsamsten Geschichten würden von ihm erzählt, eine immer abgeschmackter als die andere. Z. B. solle er den Stein der Weisen besitzen, 100 Jahre alt sein, obwohl er noch nicht wie ein Vierziger aussähe usw. Meine Frage, ob er ihn persönlich kenne, bejahte er; im Hause der Prinzessin Montauban sei er ihm begegnet. Saint-Germain sei in Versailles hochwillkommen und eine bekannte Persönlichkeit gewesen und habe oft Frau von Pompadour besucht. Er sei verschwenderisch und trete prächtig auf. Unter anderem erwähnte er seine kostbaren Gemälde, Juwelen und Kunstgegenstände. An Weiteres erinnere ich mich nicht mehr ...

Auf die Mitteilung von Linnières, daß ich seine Bekanntschaft wünschte, machte mir Saint-Germain im März seinen Besuch. Seine Unterhaltung gefiel mir außerordentlich; sie war glänzend, voll Abwechslung und reich an Schilderungen der verschiedenen Länder, die er gesehen hatte — alles sehr fesselnd. Seinen Urteilen über Personen und Sachen, die mir bekannt waren, konnte ich nur beipflichten. Sein Auftreten war sehr höflich und bewies, daß er in der besten Gesellschaft aufgewachsen war.

Mit Frau Geelvinck und Herrn A. Hope[220] war er von Amsterdam herübergekommen, wo er täglich im Hause des Bürgermeisters Hasselaar[221] verkehrte. Er hatte von der Hasselaarschen Familie Empfehlungen an Herrn van Soelen im Haag, der ihn zu Frau von Byland und anderswohin mitnahm. Am Geburtstag des Prinzen von Oranien[222] nahm ich ihn nach dem „Alten Hof“ (Oude Hof), wo ich seinen Namen nannte, zum Ball mit, wo er von den Hasselaars, Frau Geelvinck und Frau Byland und anderen angesprochen wurde.

Er wollte ursprünglich am Tage nach dem Ball wieder abreisen und hatte zu dem Zwecke eine Kutsche aus Amsterdam gemietet, um mit den beiden Damen, die mit ihm gekommen waren, dorthin zurückzukehren. Aber sie hielten ihn drei bis vier Tage länger auf. Während dieser Zeit war er täglich mit d’Affry zusammen, bei dem er auch speiste, bevor er wieder nach Amsterdam abreiste. Ich hatte verschiedene Unterredungen mit ihm, doch ist das meiste meinem Gedächtnis entfallen. Ich muß noch bemerken, daß während der Zeit, die zwischen dem Ball und seiner Abfahrt verstrich, d’Affry im steten Glauben, daß er abreisen wolle, ihm täglich Wein und Fleisch sandte. Das kann ich persönlich bezeugen, da ich zugegen war, als d’Affrys Bote ihm zwei Tage hintereinander die Sachen brachte. Da aber Saint-Germain trotzdem nicht abreiste, kam er zu Tisch in d’Affrys Haus ...