Ich ging selbst zu Saint-Germain und riet ihm in seinem eigenen Interesse, sobald als möglich fortzugehen[223]. Ich erzählte, ich wäre von dritter Seite unterrichtet[224], daß d’Affry Befehl habe, seine Festnahme zu bewirken, worauf er unter Bedeckung an die Grenze gebracht und an Frankreich ausgeliefert werden solle, damit er dort für den Rest seines Lebens eingekerkert würde. Er war außerordentlich überrascht, nicht sowohl über Choiseuls Befehle, als darüber, daß d’Affry daran dächte, sie in einem Lande, wo Recht und Gesetz noch Geltung hätten, zur Ausführung zu bringen. Er stellte eine Menge Fragen, eine immer gemessener als die andere, und mit der größten Ruhe der Welt. Ich wollte mich auf keinerlei Erörterung einlassen, da es mir zu schwierig schien, alle seine Fragen zu beantworten und alle Punkte, die er zur Sprache brachte, aufzuklären. Ich sagte ihm, dazu wäre keine Zeit; er solle vielmehr an sofortige Abreise denken, wenn ihm seine Sicherheit lieb wäre. Bis zum anderen Morgen hätte er für seine Vorbereitungen Zeit, da d’Affry die Schritte, die er etwa vorhätte, nicht vor 10 Uhr am nächsten Morgen unternehmen könnte. Vor diesem Zeitpunkte müsse also Saint-Germain seine Pläne gefaßt und ins Werk gesetzt haben. Darauf wurde Art und Weise und Ziel der Reise besprochen. Für das erstere stellte ich mich zur Verfügung; für das letztere riet ich zu England. Wir einigten uns darüber, und ich erbot mich, ihm von Herrn Yorke den Paß zu besorgen, dessen er zur Einschiffung auf dem Paketboot bedurfte. Da ein Schiff am nächsten Tage fahren sollte, drängte ich ihn, sich so schnell als möglich nach Hellevoetsluis zu begeben. Sei das geschehen, kämen alle Schritte d’Affrys zu spät ...
Abends zwischen 7 und 8 Uhr brachte ich Saint-Germain den Paß. Er richtete einen Haufen Fragen an mich, auf die ich aber nicht einging; vielmehr bat ich ihn, lieber an Wichtigeres zu denken als Fragen zu stellen, die in der gegenwärtigen Bedrängnis abgeschmackt und nutzlos seien. Er entschloß sich zur Abreise. Da keiner von seinen Bedienten Sprache, Straßen und Bräuche des Landes kannte, bat er mich, ihm einen der meinigen zu leihen, was ich mit Vergnügen tat. Ja, ich tat noch mehr, ich bestellte einen Mietswagen mit vier Pferden, der ihn angeblich nach Leiden bringen sollte, für den nächsten Morgen um 4½ Uhr vor mein Haus und beauftragte einen Diener, den Grafen Saint-Germain auf den richtigen Weg zu bringen und bei ihm zu bleiben, bis dieser ihn zu mir zurückschicken würde.
V
Aus Yorkes Korrespondenz[225]
Yorke an Lord Holdernesse[226]
Haag, 14. März 1760.
Da Seine Majestät[227] geruht hat, Frankreich seine Meinung über die europäischen Verhältnisse im großen und ganzen mitzuteilen und durch mich seinen Wunsch nach Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe auszudrücken[228], nehme ich an, daß der Versailler Hof diesen Weg als den gangbarsten ansieht, um sich mit England in Verbindung zu setzen. Das ist wenigstens der nächstliegende Grund für Frankreichs Versuche, mich durch einen Dritten auszuforschen.
Euer Lordschaft kennen die Geschichte des seltsamen Mannes, der unter dem Namen eines Grafen von Saint-Germain bekannt ist. Er hat sich eine Zeitlang in England aufgehalten[229], ohne irgendwie hervorzutreten; die zwei bis drei letzten Jahre hat er in Frankreich verbracht, wo er auf vertrautestem Fuße mit dem König von Frankreich, Frau von Pompadour, dem Marschall von Belle-Isle usw. stand. Das hat ihm das Geschenk des königlichen Schlosses Chambord eingetragen und ihn instand gesetzt, in jenem Land eine gewisse Rolle zu spielen. In meinen Privatbriefen glaube ich schon einmal von diesem Phänomen gesprochen zu haben.
Der Mann ist vor ein paar Tagen hier angekommen. Er tauchte für einige Tage in Amsterdam auf, wo er sehr umschmeichelt wurde und wo man viel von ihm redete. Anläßlich der Hochzeit der Prinzessin Karoline[230] kam er nach dem Haag, wo er der gleichen neugierigen Aufmerksamkeit begegnete. Seine Zungenfertigkeit warb ihm Zuhörer; der Freimut, mit dem er über alles mögliche sprach, erregte allerlei Vermutungen, nicht zuletzt die, daß er als Friedensunterhändler gekommen sei. Herr d’Affry behandelt ihn mit Achtung und Aufmerksamkeit, ist aber sehr eifersüchtig auf ihn. Ich für mein Teil kümmerte mich nicht um ihn und habe mir nicht einmal die Mühe gegeben, meine Bekanntschaft mit ihm zu erneuern. Trotzdem sprach er bei mir vor, ich erwiderte seinen Besuch, und gestern wünschte er mich zu sprechen, erschien aber nicht zur bestimmten Stunde. Heute früh wiederholte er seine Bitte, und ich empfing ihn.
Er sprach zunächst von der schlechten Lage Frankreichs, von seinem Friedensbedürfnis und seinem Wunsch, Frieden zu schließen, sowie von seinem eigenen Ehrgeiz, zu einem für die gesamte Menschheit so erwünschten Ziele beizutragen. Schließlich betonte er seine Vorliebe für England und Preußen, die ihn nach seiner Behauptung in Frankreich jetzt beliebt mache. Da ich ihn zur Genüge kenne und mich auf eine Unterhaltung mit ihm, ohne näher unterrichtet zu sein, nicht einlassen wollte, war ich zuerst sehr ablehnend und sagte ihm, dergleichen Dinge seien zu heikel, um sie mit unberufenen Leuten zu erörtern; ich wünschte daher seine Absichten kennen zu lernen.
Dies Verfahren verfehlte seinen Zweck nicht; denn sofort zeigte er mir als Beglaubigungsschreiben zwei Briefe des Marschalls von Belle-Isle vom 14. und 26. Februar. In dem ersteren sandte ihm der Marschall einen Blankopaß des Königs von Frankreich mit der Erlaubnis, ihn auszufüllen. In dem zweiten wartete er mit Ungeduld auf Nachrichten von ihm, und in beiden ergeht er sich in Lobeserhebungen über seinen Eifer, sein Geschick und die Hoffnungen, die er auf den Zweck seiner Sendung setze. An der Echtheit beider Briefe zweifle ich nicht. Nachdem ich sie gelesen und ihm ein paar übliche Komplimente gemacht hatte, bat ich ihn, sich zu erklären, was er folgendermaßen tat.