Haag, 1. April 1760.

Es wäre sicherlich recht eigenartig, wollte Frankreich einen Mann wie den Grafen Saint-Germain mit einer so wichtigen Unterhandlung wie der des Friedens betrauen. Zieht man jedoch in Betracht, daß diese Persönlichkeit — welcher Art sie auch nach Aussage aller aus Frankreich kommenden anständigen Leute ist — in Versailles aus und ein geht, mit der Favoritin, dem Marschall Belle-Isle und den ersten Personen am Versailler Hofe auf bestem Fuße steht, daß der König von Frankreich ihm ganz gewiß das Schloß Chambord geschenkt hat, daß der Marschall Belle-Isle ihm persönlich einen Blankopaß Seiner Allerchristlichsten Majestät schickte, — so erscheint es keineswegs unmöglich, daß er in höherem Auftrag handelt.

Als er hier ankam und dem Grafen d’Affry diesen Blankopaß und die Schreiben (Belle-Isles) zeigte, empfing ihn der Botschafter mit Auszeichnung, gab ihm Soupers, führte ihn in seine Theaterloge usw. Allerdings hat er ihm darauf, wenn auch äußerst höflich, gesagt: „Sie haben sich in Versailles furchtbare Unannehmlichkeiten durch einen Brief an die Marquise zugezogen. Ich habe eben einen Kurier mit einem Befehl des Königs erhalten, Sie nicht mehr bei mir zu empfangen.“ Darauf verlangte der Graf von Saint-Germain diesen Befehl zu sehen, und d’Affry mußte einräumen, daß er nicht von Sr. Majestät selbst stamme, sondern vom Staatssekretär. Hierauf erwiderte Saint-Germain: „Das macht mir wenig aus“ und verabschiedete sich ziemlich plötzlich von dem Gesandten, der ihn bat, am nächsten Tage wiederzukommen, da er sehr gern mit ihm plaudern werde. Doch jener entgegnete: „Gestatten Sie, Herr Botschafter, daß ich dies nicht tue. Ich möchte Sie nicht ein zweites Mal in Gefahr bringen, Ihren Befehlen zuwiderzuhandeln.“

So hat Saint-Germain den Vorfall dem General Yorke selbst erzählt[247]. Aber noch merkwürdiger ist, daß Graf d’Affry am übernächsten Tage nochmals zu ihm geschickt haben soll, um sich nach ihm zu erkundigen, indem er sagen ließ, er fürchte, daß er nicht wohl sei, da er seinen Besuch am Tage zuvor erwartet und ihn leider nicht gesehen hätte.

Übrigens hat der Graf dem englischen Gesandten noch einen sehr freundschaftlichen Brief des Grafen von Clermont vom 14. März gezeigt, worin dieser ihn fast wie seinesgleichen behandelt[248]. Nach seiner Angabe steht Graf Clermont in hohem Ansehen und ist sehr zum Frieden geneigt.

Haag, 5. April 1760.

Der Herzog von Choiseul, der sich dem Wiener Hofe verkauft hat, besitzt ständig großen Einfluß in Versailles. Das sieht man wieder an der Art, wie er gegen den Grafen Saint-Germain verfährt. Der Staatssekretär hat dem Grafen d’Affry mit der Pferdepost soeben einen zweiten Brief geschrieben, worin er ihm befiehlt, ihm bei seiner Rückkehr nach Frankreich mit einem Kerkerloch zu drohen, falls er sich noch weiter in Dinge mischte, zu denen er keinen Auftrag hätte[249]. Dieser ganze Zorn kommt von einem ersten Briefe des Genannten an die Marquise[250], den sie so schwach war, dem Staatssekretär mitzuteilen. Soviel ich glaube, war dies aber noch nicht der Bericht über seine Unterredungen mit dem englischen Gesandten. D’Affry hat den Befehl gestern ausgeführt, aber der Graf hat ziemlich selbstbewußt geantwortet, wenn man ihm (Choiseul) den Inhalt seines ersten Briefes mitgeteilt hätte, würde man ihm wahrscheinlich auch die folgenden mitteilen. Recht merkwürdig ist jedoch, daß der Marschall Belle-Isle dem Grafen durch Vermittlung des Grafen d’Affry geantwortet und ihn dabei etwas ausgescholten hat, freilich in sehr schonender Form. Er sagt, der König von Frankreich habe im Haag einen Gesandten, der sein Vertrauen besitze, und er werde dem Grafen d’Affry selber schreiben; trotzdem sei er überzeugt, daß den Grafen Saint-Germain die besten Absichten beseelten.

Bei alledem glaubt der englische Gesandte, der Mann sei nicht zuverlässig und seiner Sache nicht hinreichend sicher. Er wies darauf hin, daß Saint-Germain, als er ihm den Befehl seines Hofes mitteilte, die Neigung durchblicken ließ, den Staatssekretär auf irgendeine Weise in Kenntnis zu setzen, während er doch früher gesagt hatte, er wolle ihn stürzen. Er besann sich dann freilich eines anderen und sagte, er wolle nur an die Favoritin, den Marschall und den Grafen Clermont schreiben[251]. Seitdem ist er nicht mehr beim englischen Gesandten erschienen und hat nur für gestern abend um eine Audienz gebeten, aber ich weiß noch nicht, ob er vorgelassen wurde oder nicht ...

Übrigens erzählte Graf d’Affry dem englischen Gesandten, welche Befehle er betreffs Saint-Germains erhalten hätte, und fragte ihn, ob er ihn gesehen habe. Der Gesandte antwortete, er hätte ihm nichts gesagt, was er nicht überall wiederholen könne. „Das hat er mir auch selbst gesagt“, entgegnete der Franzose[252].

König Friedrich an Hellen