Nach Ansicht Seiner Preußischen Majestät erhellt aus allen Gesprächen der Herren d’Affry und Saint-Germain im Haag deutlich, daß das französische Ministerium in seiner Meinung geteilt sei. Einige seien für den Frieden, andere für Fortsetzung des Krieges, aber aus allem bisher Gesagten ließe sich unmöglich folgern, welchen Entschluß sie fassen würden und ob die Friedenswinke ernst gemeint oder nur gegeben seien, um Zeit zu gewinnen.
Lord Holdernesse an Mitchell[268]
Whitehall, 6. Mai 1760.
Sie werden aus meinen letzten Briefen ersehen haben, was zwischen General Yorke und dem Grafen Saint-Germain vorgefallen ist, und ich bin überzeugt, General Yorke wird Sie jedenfalls davon in Kenntnis gesetzt haben, daß Herr von Choiseul ihn in aller Form desavouiert hat und daß Saint-Germain beschlossen hat, nach England zu gehen, um sich den weiteren Verfolgungen des französischen Ministers zu entziehen[269]. Infolgedessen ist er vor einigen Tagen hier eingetroffen. Aber es liegt auf der Hand, daß er keine Vollmacht hatte, auch nicht von den französischen Ministern, in deren Namen er zu sprechen vorgab. Da sein hiesiger Aufenthalt unzweckmäßig ist und üble Folgen haben kann, wurde für angemessen erachtet, ihn bei seiner hiesigen Ankunft zu verhaften. Sein Verhör hat nichts sehr Belangreiches ergeben. Sein Benehmen und seine Sprache sind verschlagen, mit einem wunderlichen Einschlag, der schwer zu bestimmen ist.
Alles in Allem hielt man es für durchaus angezeigt, ihn nicht in England zu dulden. Demgemäß ist er am letzten Sonnabend (3. Mai) früh abgereist, mit der Absicht, Zuflucht im preußischen Staate zu suchen, da er sich in Holland nicht sicher fühlte. Auf seine dringende wiederholte Bitte hin besuchte ihn Baron Knyphausen während seiner Haft[270], aber keiner der königlichen Beamten.
Der König hielt es für richtig, Sie von diesen Vorgängen zu unterrichten. Sein Wunsch ist, daß Sie den Inhalt dieses Briefes Seiner Majestät dem König von Preußen mitteilen.
IX
Berichte Reischachs an Graf Kaunitz[271]
Haag, 18. (März) 1760.
Der Ew. Excellenz bekannte Freund (Prinz Ludwig von Braunschweig[272]) hat mich vorgestern besuchet, ... um mich zu bereden, ihm die in Händen habende Contre-Declaration[273] einsehen oder ablesen zu lassen. Ich beharrte aber darauf, daß mich dermalen noch nicht im Stande befinde, sondern, wie ihm schon gemeldet, das weitere von dem Herrn Grafen von Starhemberg[274] gewärtige.
Worüber derselbe (Prinz Ludwig) gemeldet, er besorge, man werde mit einer solchen Contre-Declaration solang zuwarten, daß indessen Frankreich soviel Zeit gewinnen werde, um mit Engelland einen Frieden zu schließen. Herr Graf d’Affry habe vor etwas mehr als acht Tagen durch den allhiesigen preußischen Minister von Hellen dem engelländischen Minister Yorke ein Rendezvous in Ryswijk oder in selbiger Gegend antragen lassen ...