Haag, 14. März 1760.
Wir haben hier gegenwärtig einen höchst seltsamen und ganz außergewöhnlichen Mann, der sich Graf Saint-Germain nennt. Er sieht höchstens wie 45 Jahre alt aus, und doch behauptet man, daß er mindestens 110 Jahre zählt. Wie mir Herr d’Affry versicherte, wäre er viel älter als wir beide zusammen, und doch sind wir beide über die Sechzig. Fest steht, daß ein fast siebzigjähriges Mitglied der Generalstaaten mir gesagt hat, er habe diesen seltsamen Mann im Hause seines Vaters gesehen, als er selbst noch ein Kind war, und er hätte fast genau so ausgesehen wie heute. Trotzdem macht er den gelenken, munteren Eindruck eines Dreißigjährigen. Seine Waden sind wie gedrechselt, sein eigenes Haar schwarz und voll, und er hat sozusagen keine Runzel im Gesicht. Fleisch ißt er fast nie, außer etwas Hühnerbrust; seine Nahrung beschränkt sich auf Grütze, Gemüse und Fische. Gegen Kälte schützt er sich sehr, aber er schont sich nicht übermäßig durch frühes Schlafengehen und hat uns, gleichsam aus Gefälligkeit, bis 1 Uhr nachts Gesellschaft geleistet, ohne daß man es ihm am nächsten Morgen anmerkte. Gelingt es mir, dem guten Alten sein Geheimnis zu entlocken, so glaube ich, dem König[294] einen wesentlichen Dienst zu leisten, wenn ich es Euer Gnaden mitteile, um Sr. Majestät ein so kostbares und für seinen Dienst so nützliches Leben zu verlängern.
Saint-Germain besitzt unermeßliche Reichtümer, und wenn man ihm glauben will, auch die schönsten Geheimnisse der Natur. Er spricht gelehrt darüber, ohne den Geheimnisvollen zu spielen, und sucht durch seine Beweisführungen auch die Ungläubigsten zu bekehren, anscheinend ohne jede Hintergedanken. Seine Reichtümer sind eine feststehende, in ganz Frankreich bekannte Tatsache. Er steht in höchster Gunst beim Allerchristlichsten König, der ihm das Schloß Chambord zum lebenslänglichen Wohnsitz angewiesen hat. Er zeigte uns Steine von unschätzbarem Wert und sämtlich von unvergleichlicher Größe und Schönheit. Beiliegend übersende ich E. E. der Wissenschaft halber die Maße eines seiner schönsten Opale, der von tadelloser Reinheit und herrlicher Schönheit ist. Nach seiner Behauptung besitzt kein Herrscher der Welt solche Schätze, wie er sie in Steinen zu besitzen vorgibt. Er sagt, daß alle irdische Größe ihm gleichgültig sei und daß er nur auf den Titel eines Bürgers Anspruch erhebe.
Von Frankreichs Unglück gerührt, hat er dem König[295] seine Dienste angeboten, um das Land zu retten, und zu diesem Zweck ist er nach Holland gekommen. Aus seinem Auftrag oder wenigstens dessen Zweck macht er kein Geheimnis. Wir sind gespannt, welche Mittel er hat; nach seiner Behauptung sind sie unfehlbar, da sie von ihm allein abhängen. Er ist ein großer Fürsprecher der Frau von Pompadour und sucht sie von dem Makel zu befreien, den man ihr hier angeheftet hat. Er schreibt ihr das beste Herz zu, die redlichsten Absichten und beispiellose Uneigennützigkeit. Ich hatte mit ihm ein langes Gespräch über die Ursachen von Frankreichs Mißgeschick und über die Ministerwechsel. Folgendes sagte er mir hierüber:
„Das Grundübel ist die Schwachheit des Monarchen. Seine Umgebung kennt seine übergroße Güte und mißbraucht sie, und diese Umgebung besteht nur aus Kreaturen der Brüder Pâris[296], die allein Frankreichs ganzes Unglück verschulden. Sie haben alles verderbt und die Pläne des besten französischen Bürgers, des Marschalls von Belle-Isle, durchkreuzt. Daher die Uneinigkeit und die Eifersucht unter den Ministern, die jeder einem anderen Herrscher zu dienen scheinen. Alles ist durch die Brüder Pâris verderbt: mag Frankreich zugrunde gehen, wenn sie nur ihr Ziel erreichen, 800 Millionen Vermögen zu erwerben. Unglücklicherweise besitzt der König mehr Güte als Scharfblick, um die Bosheit seiner Umgebung zu durchschauen. Da diese seine Charakterschwäche kennt, tut sie nichts, als seinen Schwächen zu schmeicheln, und findet dadurch vor allen anderen Gehör. Die gleiche Charakterschwäche zeigt sich bei der Mätresse. Sie kennt das Übel, hat aber nicht den Mut, ihm zu steuern.“
Er also, Saint-Germain, will die radikale Heilung unternehmen und macht sich anheischig, durch seine Maßnahmen in Holland zwei Männer zu stürzen, die dem Staate so schädlich sind und die man bisher für ganz unersetzlich hielt. Hört man ihn so frei von der Leber sprechen, so muß man annehmen, daß er seiner Sache gewiß ist, oder man muß ihn für den größten Gimpel auf Erden halten.
Ich könnte Euer Gnaden noch manches über diesen seltsamen Mann und seine physikalischen Kenntnisse erzählen, müßte ich nicht fürchten, Sie durch Berichte zu ermüden, die mehr romanhaft als wirklich erscheinen. Doch halte ich mit meinem Urteil noch zurück. D’Affry erweist ihm die größten Aufmerksamkeiten und scheint ihn für ein Wunder zu halten. Saint-Germain hat die ganze Welt durchstreift und spricht die meisten bekannten Sprachen. Er war mehrmals in Dresden und, wie er mir sagte, dem verstorbenen König[297] wohlbekannt. Auch in der Musik leistet er Hervorragendes. Er spielt vollendet Violine und Klavier und singt entzückend. Man läuft ihm hier das Haus ein, wie einem Wundertier, und er ist in der Tat ein sehr angenehmer Gesellschafter.
Kauderbach an den Fürsten Golizyn[298]
Haag, 14. März 1760.
Wir haben hier einen seltsamen Mann. Es ist der berühmte Graf Saint-Germain, der in ganz Europa wegen seiner Kenntnisse und seiner ungeheuren Reichtümer bekannt ist. Er ist mit einem wichtigen Auftrag in diesem Lande betraut und redet viel davon, er wolle ähnlich wie früher die Jungfrau von Orleans Frankreich retten. Wir müssen abwarten, wie er es anfangen wird. Er hat ein Lager von Edelsteinen von größter Schönheit. Er behauptet, der Natur ihre tiefsten Geheimnisse entrissen zu haben und sie durch und durch zu kennen. Das Merkwürdigste aber ist, daß er über 110 Jahre alt sein will. Er sieht indes nicht älter als 45 aus. Gaudeant bene nati[299]! Ich wünschte, ich könnte sein Geheimnis für Sie und auch für mich selbst erlangen! Er ist ein warmer Verteidiger der Frau von Pompadour und des Marschalls von Belle-Isle und verabscheut die beiden Brüder Pâris, denen er die Schuld an allem Mißgeschick Frankreichs zuschreibt.[300] Er spricht sehr frei über die französischen Verhältnisse — vom König bis zum Hanswurst.