Wir kennen den angeblichen Grafen Saint-Germain bisher nur nach dem Rufe, den er geflissentlich selbst verbreitet: über seine geheimnisvolle Herkunft, sein hohes Alter und seine Geheimnisse. Trotzdem steht fest, daß er am französischen Hofe eine Zeitlang hoch in Gunst stand und sehr ausgezeichnet wurde. Aber das alles war von kurzer Dauer und hat sich sehr geändert. Herr d’Affry hat mir indes versichert, er sei von Stand, wenn auch kein geborener Franzose. Er selbst behauptet, Spanier zu sein.
Haag, 24. April 1760.
Wie ich soeben erfahre, hat der Kurier, den d’Affry letzten Montag (14. April) erhielt, ihm Befehl gebracht, bei den Generalstaaten die Verhaftung und Auslieferung des berüchtigten Grafen Saint-Germain zu beantragen, da er ein gefährlicher Mensch sei, mit dem Se. Majestät aus guten Gründen unzufrieden ist. D’Affry hat diesen Befehl dem Großpensionär mitgeteilt und letzterer dem ständigen Ausschuß der Provinz Holland Bericht erstattet. Der Vorsitzende dieses Ausschusses, Graf Bentinck, hat den Mann gewarnt, ihn nach England abreisen lassen, und zwar hat er ihm dazu seinen eigenen Wagen geschickt[305]. Am Tage vor seiner Abreise war Saint-Germain vier Stunden beim englischen Gesandten[306]. Er hat sich gerühmt, mit der Herbeiführung des Friedens beauftragt zu sein. Ich habe jedoch die Schriftstücke gesehen, auf die er sich für seine Mission beruft[307], und habe darin nichts gefunden, was seine Behauptung erhärtet. Belle-Isle pflegt mit den elendesten Zeitungsschreibern und Projektenmachern in Briefwechsel zu stehen und ihre Offenbarungen sehr teuer zu bezahlen.
Dieser Saint-Germain hat uns so viele andere grobe und elende Märchen erzählt, daß man ihn nur mit Widerwillen zum zweitenmal hört, es sei denn, daß man sich über dergleichen Aufschneidereien belustigen will. Dieser Mann kann kein zehnjähriges Kind betrügen, geschweige denn aufgeklärte Männer. Es ist also anzunehmen, daß die Protektion, die er findet, andere Gründe und Zwecke hat, als Verhandlungen durch ihn anzuknüpfen. Ich betrachte ihn als Abenteurer ersten Ranges, der mit seinen Mitteln am Ende ist, und ich würde mich sehr täuschen, wenn er kein tragisches Ende nähme. Unter den englischen Offizieren, die hier sind, haben einige ihn in London vor 20 Jahren gekannt und sprechen mit größter Verachtung von ihm. Sie halten ihn für einen einfachen Violinspieler.
Haag, 2. Mai 1760.
Der Abenteurer hat sich hier als geheimer Unterhändler des Marschalls Belle-Isle aufgespielt und Briefe von ihm[308] gezeigt, denen allerdings die Glaubwürdigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Er ließ durchblicken, daß Belle-Isle ganz im Sinne der Frau von Pompadour, aber im Gegensatz zu Choiseul, leidenschaftlich nach Frieden trachte. Er hat stark aufgetragen und mit den stärksten Farben die Kabalen, die Not und die Zwistigkeiten geschildert, die in Frankreich herrschen sollen, und durch solche Schmeicheleien hat er das Vertrauen der englischen Partei zu gewinnen geglaubt. Andrerseits hat er an den Marschall Belle-Isle geschrieben[309], d’Affry wisse die Bestrebungen des Grafen Bentinck-Rhoon weder zu würdigen noch zu unterstützen. Dabei sei Bentinck von den besten Absichten beseelt und wünsche nichts so sehr, als die französischen Verhandlungen mit England zu fördern. Diese Briefe sind an d’Affry zurückgesandt worden, mit der Weisung, zu verhindern, daß Saint-Germain sich in irgendeine Angelegenheit einmische, falls er seine Dreistigkeit nicht damit büßen wolle, daß er bei der Rückkehr nach Frankreich seine Tage in einem Kerkerloch beschlösse[310].
Trotz dieses Verbots fuhr Saint-Germain fort, Reden zu halten und Schritte zu tun, um sich auch weiterhin das Ansehen eines bedeutenden Mannes zu geben. Er hat beharrlich den englischen Gesandten besucht, der ihn aber scheinbar verachtete. Herr von Rhoon hat ihn beschützt, ihn bevorzugt und viel Aufhebens von ihm gemacht, und als d’Affry seine Auslieferung verlangte, hat er ihn vor der ganzen Stadt nach London reisen lassen[311]. Ich fürchte, der Elende wird noch Anlaß zu manchen Skandalgeschichten geben. Er hat gedroht, alle Urkunden nebst einer Rechtfertigungsschrift zu veröffentlichen. Er ist ein Gauner, der eine Rolle spielen will.
XI
Friedrich der Große und Voltaire[312]
Voltaire an König Friedrich
15. April 1760.