Stich von Pazzi

E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.

Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts angelegt worden sind.

Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.

Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone, der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen. Auch teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].

Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen, die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million. Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern. Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben, ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen[380].

Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts. Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.

Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte. Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines Unbekannten machen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10. Mai[381] auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen wollte, nicht allzu sicher sein.

Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten hätten[382].

Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom 31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383] bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seine Wertsachen nach Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt, daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine Launen und sein wunderliches Wesen.