Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall war.
Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?
Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw. stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte abzulehnen.
Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.
Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen, bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie nach Angabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.
Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat, zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren könnte.
Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.
Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000 Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen. Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am 27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die Rede.
Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den Überschüssen allmählich zurückzahlen.
Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber kundzugeben.