Frau Caroline erzählte überhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand einen Schnupfen, so wußte sie unbedingt Fälle von tötlicher Ausartung dieser an sich gefahrlosen Erkältung. Bei einem Sterbefall erinnerte sie sich eines halben Dutzend anderer und wußte Ursache, Verlauf und Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch Lungenentzündungsfälle schwerer Art hatte sie genügend erlebt, um Therese die angenehme Aussicht auf möglicherweise unglücklichen Ausgang eines solchen Leidens naiv zu eröffnen.

Natürlich nahm sie Theresens Fall nicht für so ernst.

Durch ihr Geschäft, durch die Einführung und Anleitung des neuen
Fräuleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Täuschung.

"Der Husten muß austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder rauskriegen. Sei man ruhig."

"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schöne Wetter noch genießen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch die schönsten Tage.

Vorläufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen Bezirk griesgrämlicheren Vettern überlassen zu haben. Statt der Hitze der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den Sommer in Hamburg schmälert. Beständige Westwinde trieben immer neue Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschläge. Es waren unfreundliche, fast herbstliche Tage.

Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen, gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen glitzernden Bögen, Strahlen und Tropfen.

Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trübselige Grau drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, über die Straße hüpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.

Wie gern hätte sie ein Stück Himmel gesehen, aber sie mußte sich von ihrem Bett aus mit der beschränkten Aussicht auf das Straßenpflaster und das Parterre des Behnschen Hauses begnügen.

So kam es, daß sie sich häufiger mit dessen Bewohnern beschäftigte, namentlich mit Lulu.