Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm Beuthien ein Verhältnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese konnte es nicht glauben. Mimi übertrieb immer, wenn sie erzählte.

Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken ließ. Es war doch unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne hätte sie einmal etwas von ihr gehört.

Hermann schien doch besser über den Schmerz, den Mimi ihm zugefügt, hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.

Ob er einer solchen überhaupt fähig war? Keinen Augenblick zweifelte sie daran.

Wie thöricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war doch gut so. Er würde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit für sie jetzt übrig gehabt haben.

Wie freute Therese sich auf sein nächstes Kommen, auf das sie sicher rechnen durfte. Er vergaß sie nie, und sie fühlte wohl, es war echte Teilnahme, was ihn zu ihr führte, nicht kaltes Pflichtgefühl. Das machte sie glücklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.

Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei, seines Mitleids nicht mehr bedürfe, könnte das alles wieder anders werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht: wenn du nun stirbst?

Aber nur wie ein flüchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeinträchtigen, und es war ein Glück, daß auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trübe Stimmung aufkommen ließ.

Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschäftigt.

Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im Bett liegen mußte. "Die Hausthür klingelt nur einmal am Tag", sagte sie, um anzudeuten, daß die Ladenglocke überhaupt nicht zum Schweigen käme.