Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.
Da sie vor ihm stand, mußte er sie gewähren lassen. Aber sie mühte sich vergeblich, und er griff über ihre Schulter weg gleichfalls nach dem Zweig.
Wie sie so aneinandergedrängt standen, alles an ihrem schlanken, jugendkräftigen Körper straff gespannt, faßte es ihn mit Gewalt. Er umfing sie und drückte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen Kuß auf den Mund.
Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht, und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses Spazierganges nicht ungern gesehen, so fühlte sie sich doch bei dieser unerwarteten Berührung plötzlich ernüchtert. Sein heißer Atem, die feuchte Wärme seiner breiten, schwülen Lippen flößten ihr Widerwillen ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.
Scham, Zorn und Bestürzung ließen sie anfangs auf Sekunden verstummen.
Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem
Gesicht, das sich in jähem Wechsel zwischen rot und weiß verfärbte,
zeigte ihm deutlich, daß er zu kühn gewesen war.
Betreten suchte er durch einen flauen Scherz über die Verlegenheit hinweg zu kommen.
"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen, peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".
"Aber Fräulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.
"Ganz gewiß", beteuerte sie.
Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestürzt aus.