Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr. Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten, das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein ans Wasser zu gehen.
Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl, das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute, nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden.
Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen. Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche Begehrlichkeit.
Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand.
Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem sie lieb und gütig mit seinem Knaben war.
Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte, kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten in der Ligusterhecke angebracht.
Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig, und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht, denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in seinem Herzen dafür.
So wuchsen denn die Kinder fast wie Bruder und Schwester miteinander auf, und die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten Obstbäume gediehen und ragten jedes Jahr höher und früchteschwerer über den bunten Flor der Blumen und Stauden empor, die Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter der Zucht der Schere gehalten, wurde immer breiter und dichter, und das kleine Pförtchen darin stand oft tagelang offen.
Dann brachte die Schulpflicht den Kindern eine Einschränkung ihrer köstlichen Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe auf den Rücken nehmen mußte. Er gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war stolz auf einen Freund, der schon lesen lernte und Buchstaben malen konnte, und sie war gelehrig im Nachahmen dessen, was er frisch aus dem Unterricht mit nach Hause brachte. So lernte sie mit ihm und von ihm.
»Was haben wir heute auf?«