»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein waren.

»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.

Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog.

Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot.

»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft genug sehen.«

In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern, stattgefunden hatte.

Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr. Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm.

So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine Freundin bewundern, da niemand ihn rief.

Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen, wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte.

Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte, fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt, sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt, aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen. Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.