Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer ein Lied anzugeben, das den Weg würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören oder einzelne Takte mittrillern. Doch fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit, auch ihn zum Auskramen seiner kleinen spanischen und französischen Lieder zu bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein, besaß er doch ein gutes Gedächtnis für volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches Liedchen konnte er zum Besten geben. Es war ein ländliches Liedchen, dessen Text auch ihm vielleicht nur leere Worte blieben, aber er sang mit einer solchen Ergriffenheit und mit einem zitternden Heimweh, daß Frau Elisabeth ein gerührtes Lächeln nicht unterdrücken konnte, und Blanche und Lux ihn ganz verwundert anstarrten, so daß er tief errötete und mit einem gewinnenden Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann nicht singen.«

Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische Art, jedem eine kleine Pflicht aufzuerlegen; der eine mußte den Proviant tragen, der Andere den Quartiermacher spielen, der Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben, was ihnen des Aufzeichnens wert erschien. Sie selbst behielt sich die Führung und die Kasse vor.

So wußte sie ein gemeinsames Band zu schlingen, das wieder fester verknüpfte, was sich schon leise zu lockern drohte.

Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux empfand die Trennung vom Vater bald nicht mehr als Leid, sondern als eine fröhliche Abwechselung. Dazu trugen die häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles bei; fast von jeder Station kam wenigstens ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß. Im übrigen hielten längere, ausführliche Briefe an Frau Elisabeth die Zurückgebliebenen mit dem Abwesenden in steter Verbindung. Die Briefe des Reisenden, der vom schönsten Wetter begünstigt dem Lande der Sonne und Schönheit zueilte, atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und ein neuerliches Schreiben versprach dem Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches und Ergötzliches mit heim zu bringen.

So fühlte sich denn Lux im freien Genuß der Gegenwart und in stiller Hoffnung auf die Zukunft im ganzen glücklich, zumal Blanche, die nicht mehr unter dem überwiegenden Einfluß Manuels stand, sich ihm wieder mehr zuwandte. Das wurde dann die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht diese Wandlung wohl bemerkte, der Vergangenheit und seinem Heimweh wieder kräftig entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich dem Tage zuwandte. Ein stilles Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben um das Mädchen, das fortfuhr, seine Gunst gleichmäßig zu verteilen.

Lux war schon zufrieden, wenn er nicht hinter Manuel zurückstehen brauchte; der war nun einmal da, und ein Anteil von Blanches Freundschaft war ihm nicht zu verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig darüber, daß ehrlich geteilt wurde. Anders Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die kleine Freundin für sich allein gehabt hätte, und die alte Eifersucht und den alten Groll auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer Weise kam er, ohne daß Blanche es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn auch unbewußt, ein wenig ins Hintertreffen. Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich durch kleine Gefälligkeiten und knabenhafte Galanterien beliebt zu machen, so kam Lux ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels Natur lag, über Blanche Frau Elisabeth zu vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte er sich verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten, während der jüngere Lux an dergleichen Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche da war.

Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn er neben Frau Elisabeth herging, ihren Mantel trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete und sehen mußte, wie Lux und Blanche fröhlich vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder, wie in früheren Tagen, Hand in Hand.

Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen Knaben nicht ohne Anerkennung, indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel hinstellte, wozu die unbekümmerte Blanche reichlich Gelegenheit gab.

»Du könntest dich deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen,« sagte sie.

»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief Blanche stürmisch, die Arme schmeichelnd um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es denn auch. Manuel doch war stolz auf Frau Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen der Eifersucht heroisch weiter.