Manuel wurde heftig.

»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur Antwort.

Zornig ging Manuel weg.

An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers, der eine Verlängerung seiner Reise um höchstens acht Tage ankündigte und hoffte, daß Lux den Freunden nicht lästig werden würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben aber war diese:

Er ist in Rom, kommt abends spät aus einer kleinen Gesellschaft, hört in einer einsamen menschenleeren Straße plötzlich einen Schrei ganz in seiner Nähe und steht im nächsten Augenblick vor einem entseelten Körper, der quer über den Bürgersteig liegt. Ein Schatten fliegt über die Straße, ein geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal um, und er meint im ersten Augenblicke nichts als zwei große schwarze, weit aufgerissene Augen in diesem Gesicht zu erkennen. Aber schon nahen Schritte, er wird bei der Leiche gesehen, verdächtigt, und muß mit auf die Wache. Hier gelingt es ihm bald, seine Unschuld glaubhaft zu machen. Indessen kann man ihn nicht ganz freigeben, da er den Mörder gesehen haben will und eine ungefähre Beschreibung von ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen Zeugen muß man sich versichern, zumal seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für sich haben. Seine Beschreibung paßt auf einen jungen Burschen, den man mit dem Getöteten befreundet weiß, und von dem es bekannt ist, daß er sich mit jenem gleichzeitig um ein hübsches und braves Bürgermädchen bewarb.

Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler sich noch anderer Merkzeichen entsinnen zu können, als nur der dunklen Augen. Und alles zeigt auf jenen Freund hin. Dieser wird gefunden, festgenommen und dem Zeugen gegenübergestellt, der ihn zu erkennen glaubt. Ein anfängliches Leugnen zieht die Sache hin, aber der Unglückliche entschließt sich zuletzt zu einem Geständnis. Und wirklich ist die unselige Eifersucht das Motiv seiner Tat.

Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere Tage gekostet, während welcher er nicht fähig war, seinen Studien nachzugehen. So war noch manches nachzuholen und eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht.

Er möchte sich nicht beeilen und sich nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth zurück. Lux wäre gut aufgehoben, und sie hätten ihn alle gern bei sich.

»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer gleich zum Messer greifen muß!« sagte ihr Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des Briefes erfuhr. »Und wenn es dann noch wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet. Aber ein feiger Meuchelmord aus solchem Beweggrunde, noch dazu an einem Freund, will einem schier unverständlich sein.«

»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth, »wie die Leidenschaft alles verdunkelt, alle Begriffe von gut und böse auslöscht und den Menschen zum blinden Werkzeug seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles aus meiner Heimat, wo ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar sich um einen jungen Mann heftig entzweite; beide getäuscht, suchten sie statt Trost in der Versöhnung Trost im Tod. Man fand beide Leichen am blühenden Sommerrain des kleinen Flusses, von den mitleidigen Wellen sanft nebeneinander hingebettet.«