»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie fast zärtlich. »Wir haben dir alles verziehen. Du wirst zu deinem Vater zurück müssen, und alles, was gewesen, wird wieder gut werden. Und nun gib mir die Hand und versprich mir, daß du immer dein Herz und deine Hand hüten willst.«

Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und wollte sich wieder über die ihre neigen, doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn, hob sein Gesicht ein wenig zu sich empor und küßte ihn mütterlich auf die Stirne.

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte sie ihn wieder laut aufschluchzen. Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen: Manuels Tränen galten ebenso sehr Blanche, von der er sich jetzt trennen sollte, als Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer in einer erwachenden Kinderseele; helle, hohe Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie die Welt in Brand stecken, und dann ein ebenso jähes Erlöschen.

Um Blanche und Lux war sie ein wenig in Sorge, welchen Einfluß dieses Erlebnis auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch dachte sie darüber nach, wie weit sie Blanche Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu viel könnte schaden statt nützen. Blanche war doch noch ein ganzes Kind, harmlos, wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau Elisabeth wußte schon die Antwort voraus, als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen wäre, ihre Gäste einfach zu verlassen und mit Manuel zu gehen.

»Er wollte es ja durchaus.«

»Und du weißt nicht, daß sich das nicht schickt? Wäret ihr bei den anderen geblieben, so wäre alles nicht geschehen. Das war sehr unrecht von dir. Du siehst, was für ein Unglück aus solchen Kindereien entstehen kann.«

Frau Elisabeth hielt es für das richtigste, Blanche gegenüber diesen Ausdruck zu gebrauchen: Kindereien. Blanche freilich war wenig geneigt, es als Kindereien zu nehmen. Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade, daß noch Ferien waren; am liebsten wäre sie morgen in die Schule gegangen, um zu hören, was die Freundinnen sagten.

Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und wie traurig Dr. Irmler aussah. Aber Lux würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der Arzt gesagt hatte. Und sie wollte auch jeden Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch wieder gesund werden ließe.

Am meisten waren ihre Gedanken natürlich bei Manuel. Der kam nicht von seinem Zimmer, und sie sah und hörte nichts von ihm. Sie wollte die Mutter nach ihm fragen, wagte es aber dann doch nicht. So spionierte sie herum, ob sie nicht irgendwo etwas von ihm erhaschen könne.

Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl bestraft werden würde? Er durfte nicht stechen. Lux hatte allerdings angefangen. Was ging es den überhaupt an? Und wie hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte sich ja garnicht anders wehren, noch dazu, da er gefallen war und unter Lux lag.