An diesem Abend vermachte mir Behrens für den Fall, daß er fiele, seine Pistole, die er sich von Kiel mitgenommen hatte, und ich vermachte ihm dafür meine Uhr mit Kette, die ich mir als vierzehnjähriger Junge mit freiwilligem Helfen in der Werkstatt verdient hatte. Der Einjährige Otto Hargens aus Ditmarschen, der an diesem Abend Unteroffizier wurde, ein munterer Junge, war Zeuge.
Am andern Morgen, als es noch dunkel war, machten wir mitten im Lager von trockenem Dornbusch ein schönes Osterfeuer und standen darum und sahen hinein und waren doch froh, daß wir das Leben noch hatten, obwohl es ein so schmutziges und freudloses und mühseliges war, und dachten an die Heimat, wie Mutter nun die Sonntagskleider ausgab, und die Stube so blank war, und der Morgenkaffee so festlich, und die Kirchenglocken über die Häuser hinriefen.
Um diese Stunde, im Morgengrauen, zog ein großer Haufe der Feinde wirklich nach Osten zu; aber nicht, um in die Wüste hinein durchzubrechen, sondern um an einer besonders buschigen Stelle des Weges, die wir heute passieren würden, auf uns zu lauern.
Gegen sechs Uhr, als die Ostersonne hell und klar heruntergekommen war, brachen wir auf. Wir zogen aber so: Voran die kleine Reiterschar, die wir noch hatten, auf abgemagerten, verwundeten und zottigen Pferden; dann marschierte eine Kompanie. Dann kamen unsere Kanonen. Dann kam wieder eine Kompanie. Dann kamen unsere fünfzig Wagen mit je vierundzwanzig Ochsen bespannt. Dann kam meine Kompanie. Ich ging im ersten Zug. Hinter unserm Zug marschierte, als die letzten der ganzen Kolonne, in einem Abstand von ungefähr dreihundert Meter, ein halber Zug. Die ganze Marschkolonne war fünf Kilometer lang. Man konnte in dem dichten, schmalen, staubigen Weg, der sich in Biegungen durch den dichten Busch wand, immer nur einen kleinen Teil davon sehen. Man hörte nur aus dem Peitschenknallen und dem Schreien der schwarzen Treiber: Wörk! wörk! Osse! wie der Zug weiter ging.
Ich ging so in Heimatgedanken vor mich hin, ging durch unser ganzes Haus, und ging vor die Tür, und sah die Straße entlang, wo die Leute zur Kirche gingen, und kehrte mich um und ging in die Küche, wo Mutter die Schwestern besah, ob sie ordentlich waren zum Kirchgang. Wie war da alles friedlich und rein und schön. Und ich zog hier in fremdem Land, fern von der Heimat, mitten unter wilden, heidnischen Feinden, müde, hungrig und in schmutzigen Lumpen. So sann ich. Ich glaube, ich hörte die Osterglocken, wie sie mit schwerfälligen Stößen über die Stadt wankten.
Da fielen nicht weit hinter mir zwei Schüsse. Ich wachte auf; aber ich dachte gleich, es wäre ein Offizier, der in den Busch gegangen und auf ein Stück Wild zum Schuß gekommen war.
Wir zogen weiter. Aber im nächsten Augenblick, während nun hinter uns Schuß auf Schuß fiel und wir uns umdrehten, das Gewehr schon zur Hand, kam ein Mann atemlos, lief an uns vorüber nach vorn und rief: »Die Nachspitze hat Feuer.« Im nächsten Augenblick riefen schon die Offiziere, in die Büsche vorzudringen. Ich lief schon mit Gehlsen und Behrens in den Busch, und dann, in der Richtung des Weges, den wir gekommen waren, auf die Schüsse zu. Ich drang ein wenig so vor. Da sah ich vor mir, zwischen den Büschen, zwei Rauchwolken aufsteigen, riß das Gewehr an die Backe und schoß im Stehen. Im selben Augenblick sah ich zur Seite etwas schwer nach vorn fallen, wie ein Pfahl umfällt. Als ich meinen Schuß getan, sah ich Behrens da in Krämpfen liegen. Ich sprang mit andern, die nachkamen, schräg nach vorn hinter den nächsten Busch, warf mich ins Knie und gab ein heftiges Schnellfeuer nach dem Rauch hin ab und nach etwas, was unruhig und dunkel hinter dem Buschwerk huschte. Ich weiß nicht, wie viel Schüsse. Da fiel mein anderer Kamerad, der neben mir kniete. Im Fall entfiel ihm das Gewehr; er stöhnte und jammerte laut auf. Ich warf mich ganz hin und schoß schnell weiter, um meine Kameraden aufmerksam zu machen, wo ich in großer Bedrängnis läge. So war es abgemacht worden. Die sprangen auch heran und warfen sich hier und da hin und schossen wie ich, gegen Feinde, von denen wir nichts sahen, als hier und da zwischen Büschen ein Wölkchen Rauch. Wir lagen wie Bäume. Dicht neben mir lag ein Unteroffizier, dem der linke Arm schwer blutete. Er hatte das Gewehr auf einen dürren Ast gelegt und feuerte in kurzen, ruhigen Abständen. Die Kugeln kamen von vorn und von beiden Seiten. Nun sah ich auch etwas Fremdes herankommen. In Klumpen lag und kniete und schlich es zwischen den Büschen. Ich sah keinen einzelnen; nur eine Masse. Es kam ganz nah. Die Kugeln splitterten um mich im Buschwerk. Ich schrie so laut ich konnte: »Hierher! Hier!«
Ich glaube fast, daß wir an unserer Stelle uns so gehalten hätten, bis Verstärkung gekommen wäre. Aber da kam der Ruf des Hauptmanns: »Sprungweise rückwärts.« Ich sprang mit vier Nebenleuten auf und lief um ein oder zwei Büsche zurück und warf mich wieder hin. Drei kamen wir an; einer wurde im Sprung getroffen und stolperte und fiel hin. Er versuchte leise jammernd nachzukriechen, konnte es aber nicht. Ich lag und schoß über ihn weg und rückte ein wenig zur Seite, weil er im Schmerz beide Arme hob. Wieder sprangen wir auf, und wieder im Lauf griff mein Nebenmann nach seiner Brust, ließ sein Gewehr fallen, lehnte sich ein wenig seitwärts nach einem Busch und sagte, mit einem Blick auf mich, noch im Stehen: »Gib meinem Bruder das Buch,« und fiel schwer hin und rührte sich nicht mehr. Ich konnte nach dem Buch nicht suchen; denn in diesem Augenblick sah ich, mich zum Schießen umwendend, hier und da zwischen den graugrünen Büschen fremde Menschen in Korduniform wie Schlangen aus dem Gras sich heben, sah um mich und sah, daß ich allein war. Da sprang ich wieder auf und lief drei, vier Sätze zu meinen Kameraden zurück, anderen, die nun gebückt vorgingen, wandte mich wieder um und kniete wieder unter ihnen und schoß; und sah nicht weit von mir eine schwarze, halbnackte Gestalt, wie einen Affen, mit Händen und Füßen, das Gewehr im Maul, auf einen Baum klettern, und zielte nach ihm, und schrie auf vor Freude, als er am Stamm herunterfiel.
Als ich dann wieder schießen wollte und den Zeigefinger krümmte, war die Hand plötzlich machtlos. Ich kam in rasenden Zorn und sah in Wut auf sie. Da sah ich Blut aus dem zerlumpten Ärmel laufen und fühlte auch, daß der Arm vom Ellbogen herunter naß war. Im Halbkreis um mich hörte ich ein dumpfes, wildes Schreien und Rufen der Feinde. Es war niemand mehr bei mir. Da dachte ich plötzlich an das Wort, das mein Vater so oft zu mir gesagt hatte: »Wenn Du Deine Nase in ein Ding steckst, vergißt Du darüber alle andern Dinge.« Ich kroch eilig auf allen vieren zurück, sprang auf und lief geduckt weiter. Da lief noch einer neben mir, ganz auf der Seite hängend, mit blutigem Leib. Ich griff im Laufen unter seinen Arm; aber er fiel stöhnend in die Knie und krümmte sich im Knien. Da nahm ich sein Gewehr, damit es den Feinden nicht in die Hände fiele. Mein eigenes hatte ich über die Schulter geworfen. Und lief so weiter und kam durch vordringende Kameraden hindurch auf eine Lichtung.
Da sah ich den Alten dastehen, straff und ruhig wie sonst, mitten auf dem Platz; um ihn einige Offiziere und Mannschaften. Von drüben aus dem Weg brachen Sektionen hervor, breiteten sich nach seiner Handweisung über die Lichtung rund um ihn aus, warfen sich hin und schossen gegen den Feind. Hinter den Laufenden kamen die Kanonen herangejagt und warfen sich auf seinen Wink dicht vor ihm herum und schossen über die vor ihm liegenden Kompanien weg gegen den Feind. An einer Revolverkanone entfielen mir beide Gewehre und meine Knie vergaßen die Kraft und ich sank zusammen. Ich sah verzweifelt auf meinen blutigen Arm. Im Kauern langte ich nach dem Verbandpäckchen, das ich im Rockschoß hatte, und bekam es auch zu fassen; als ich es aber umbinden wollte, stand das Blut nicht. Da half mir ein Matrose. Einige Verwundete lagen und knieten schon da; andere kamen mit schmerzvollen Gesichtern angekrochen und legten sich hinter die Kanonen, die mit Macht feuerten.