Bald darauf, als Munitionswagen und Lazarettkarren herangaloppiert kamen, stand ich auf und versuchte eine Munitionskiste heranzuschleppen, die sie mit Äxten aufschlugen. Ich konnte auch eine Weile mithelfen; ich weiß nicht wie lange. Aber plötzlich lösten sich wieder die mit Gewalt gefestigten Knie. Da schlich ich mich wieder zu den andern und saß bei ihnen und hielt mit der linken Hand das Blut auf und hob zuweilen die Augen und wenn ich sie hob, sah ich nach dem Alten, der mit seinen Augen die ganze Lichtung absuchte.

So lagen und standen sie im Halbkreis um uns Verwundete und um die ausgeladenen Kranken, die teilnahmlos mit geröteten Gesichtern unter ihren Decken lagen, und feuerten heftig gegen die herandrängenden Feinde. Sie kamen so nah, daß ich sie sah. Sie trugen meist die Uniform unserer Schutztruppe, andere hatten europäische Sommeranzüge, einige waren halbnackt. Ihre Glieder erschienen merkwürdig lang, ihre Bewegungen waren merkwürdig glatt und gewunden. So schlichen, glitten und sprangen sie durch die Büsche an uns heran. Zwei- oder dreimal schossen die Artilleristen mit Schrapnells; es rauschte wie ein Sturzbach durch die Luft; dann prasselte und knatterte es und sie wichen wieder. So lagen und standen die Unsern zwei Stunden lang um uns und hielten den wilden Ansturm aus, und konnten keinen Schritt vorwärtsdringen.

Dann aber drangen sie langsam in dem Busch vor und stießen den Feind zurück und drangen bis zu der Stelle, wo wir, die Nachspitze, gekämpft hatten, und hofften wohl, sie würden einige noch lebend finden. Aber sie waren alle tot und nackend. Sie brachten sie heran und legten sie in großem Halbkreis unter einen Baum. Ich und andere gingen heran; ich wollte meine beiden liebsten Kameraden noch einmal sehn. Aber wir wurden zurückgedrängt, daß wir den Jammer nicht sähen. Einige Kameraden gruben schon ein Grab; andere verschanzten das Lager. Denn wir wollten die Nacht hierbleiben.

Gegen Abend, als die Sonne unterging, wurden die Toten in das Grab gelegt. Zwanzig Mann schossen über ihrem offenen Grab; der Alte sprach von Vaterland und Gott, und von Tod und Osterglauben. Ich saß wund und halb von Sinnen bei den Verwundeten, von denen einige, ans Wagenrad gelehnt, leise redeten, andere mühselig seufzten, andere vor Ermattung oder Ohnmacht schliefen, einer oder zwei sterbend röchelten. Gehlsen, der auch einen Fleischschuß im Arm hatte, saß neben mir. Sie brachten uns ein wenig Reis und einen Kochgeschirrdeckel voll Wasser; das ist ungefähr ein halber Liter. Ich hätte gern drei Liter getrunken; es war aber weit und breit kein Wasser. Ich fühlte mich sehr verlassen und hatte heißes Heimweh.

Es war gut, daß Hansen und Wilkens kamen und mich unterm Arm nahmen und zu ihren Genossen, den alten Afrikanern brachten und mir heimlich noch etwas Wasser und noch ein Stück trockenen Pfannkuchen gaben und eine Decke. Sie waren immer etwas besser versehn, als wir. So saß ich und hörte mit düstern Sinnen, was sie redeten. Sie sagten, daß das Gefecht ein kleiner Erfolg gewesen war, da der Feind geflohen wäre; aber der Erfolg wäre doch wohl zu teuer bezahlt. Sie sagten auch, sie hätten dem Feind eine so große Tapferkeit nicht zugetraut und hielten für wahrscheinlich, daß er morgen wieder käme. Ich hörte auch noch, daß sie über unsere Kranken redeten und sagten, bei solch elender Nahrung und bei dem verdorbenen Wasser würden noch viel mehr krank werden. Ich wunderte mich im Halbschlaf, daß sie so viel Wesens von unsern Kranken machten und nicht viel mehr von den zweiunddreißig redeten, die unter dem großen Baum in der Erde lagen, und von deren Eltern und Geschwistern. Ich war müder und müder geworden und hatte mich in die Decke gewickelt und den brennenden Arm auf die Hüfte gelegt und hörte nur dann und wann ein Wort, bis alles um mich still schien. Da fing es wieder an durch die Büsche herzukommen. Im unruhigen Schlaf hörte ich wieder Schüsse und sah Schwarze rund umher, und sah sie auf die Bäume steigen, das Gewehr quer im Maul. Die alten Afrikaner standen rund um mich und trafen mit jedem Schuß. Aber es waren zu viel Feinde, und einer kam und faßte mich am Arm, und wollte mir die schützende Decke wegziehen. Da stöhnte ich sehr und erwachte halb, halb schlief ich noch, und hörte, wie Heinrich Hansen sagte: »Laß ihn da liegen: Ich brauche keine Decke, ich habe eine Haut von Speck und Dreck.«

Am andern Morgen bekamen wir ein bißchen Reis und ein wenig Wasser. Dann wurden die Kranken und Verwundeten auf die Wagen geladen; zwei von ihnen waren ohne Besinnung.

Ich setzte mich auf die Kiste vorn im Wagen, den Arm, in dem es stach und brannte, in der Binde. Hinter mir lagen in dem langen Kapwagen in zwei Reihen vier Verwundete und zwei Kranke. Der Schwarze neben den Ochsen hob seine langen, magern Arme zum ersten langen Peitschenschwung und schrie die Tiere an. Dann stieß das Wagenrad gegen den ersten Stein, der in der Spur lag, und fiel herunter, schwer aufstoßend; hinter mir stöhnte es mühsam. Ich stützte den gesunden Arm aufs Knie. So ging es vorwärts in langem, langem Zug, Wagen hinter Wagen, dazwischen eingestreut Kanonen und marschierende Kameraden. Als wir an dem großen Grab unterm Baum vorüber fuhren, sah jeder noch einmal mit einem langen Blick hinüber. Die es vergessen hatten, drehten den Kopf zurück. Ich dachte, als ich vorüber fuhr: ›Wenn Gott mich nach der Heimat zurückführt und mir langes Leben und Gesundheit gibt, will ich noch einmal davor stehn und überdenken, ob ich dann in meinen eignen Augen wert bin, daß ich einst aus diesem Feuerloch lebend heraus kam.‹ Dann lagen sie einsam.

Der eine, der einen Schuß in den Leib hatte, quälte sich langsam und mühselig dem Tode zu. Am Morgen sprach er noch mit leiser Stimme kurze Worte, am Mittag nahm er noch ein wenig von dem dreckigen Wasser; bald darauf röchelte er schwer und war ohne Besinnung. Gegen Abend lag er mit offenem Munde und gebrochenen Augen; ich merkte aber an dem Heben und Senken der schmutzigen Wolldecke, daß er immer noch lebte. Einer von unseren Einjährigen, der Arzt war, kam bei jeder Rast und sah in den Wagen, und ich sah das helle Mitleid in seinen Augen. Er war nicht viel älter als ich; es war ihm aber im Busch ein langer, starker Bart gewachsen.

Als ich gegen Abend aus einem Halbschlaf erwachte, saß einer vom ersten Zug, ein Rheinländer, neben mir auf der Kiste. Er klagte über Schwäche in den Füßen und Knien, fühlte sich bald heiß, dann wieder kalt. Er sah mich aus tiefen, trockenen Augen wunderlich wirr an; aus seiner Stirn traten große Schweißtropfen hervor. Der Einjährige kam, fühlte nach seinem Puls, sah ihn mißtrauisch an und sagte so vor sich hin: »Das ist der Zwölfte in sieben Tagen,« und ging wieder davon.

Gegen Abend erreichten wir unser altes Lager. Da wollten wir nun bleiben, auf der Lauer liegen und auf Nachricht warten.