So ritt ich denn an diesem Morgen mit der Patrouille nach Westen, nach Windhuk zu, nachdem ich vier Monate lang im Busch und in der Wildnis gewesen war. Auch meine Begleiter waren so lange draußen gewesen. Ich fürchtete mich sehr vor dem ersten Trab; es ging aber leidlich gut. Mit frohem Herzen und wehem Gesäß, immer eifrig mit dem Kopf nickend, ritt ich dahin. Am andern Tag ging es schon viel besser. Der Oberleutnant, ein langer Rheinländer mit kurzem, schwarzem Vollbart, war ein gemütlicher Mann; er unterhielt sich oft mit mir und schien Gefallen an mir zu finden.

Nachdem wir zwei Tage lang durch öde, menschenleere Gegend geritten waren, näherten wir uns der Stadt. Als wir von fern den ersten Telegraphenpfahl sahen, sagten wir es einer zum andern und besahen das lange, dünne Ding von oben bis unten mit frohen Augen. Als wir uns dem ersten Hause näherten, das nicht dachlos war und nicht ausgebrannte Fensterhöhlen hatte, bewunderten wir es sehr; und als wir im Vorbeireiten bemerkten, daß auf der offnen Veranda ordentliche Möbel standen, ein Tisch und Stühle darum, staunten wir sie an und wandten uns im Sattel bis wir vorüber waren. Mit großen Augen spähten wir in den Garten hinein, den die Schutztruppler in früheren Jahren mit großer Mühe hier angelegt hatten; da waren wahrhaftig Palmen und Weinlauben, von denen wir in Kiel und auf dem Meere geträumt und geredet hatten; und da war ein Teich! O, wenn man da hineinreiten dürfte! Und da, im Schatten einer Veranda, stand eine deutsche Frau; sie hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Wie wir hinsahen! Wie wir uns über das helle, saubere Kleid freuten und über das reine, freundliche Gesicht und über das kleine weiße Kind. Wie auf ein Himmelswunder starrten wir auf das, was man in Deutschland alle Tage sehn konnte. Wie die heiligen drei Könige, die auch aus der Wüste kamen und vom Pferd herab Maria mit ihrem Kinde sahen. Sie sah uns hungrige, ganz verlumpte und schmutzige Gesellen mit großen, mitleidigen Augen an und neigte sich freundlich, als wir alle wie auf Befehl die Hand an die Feldmütze legten.

Müde und doch eifrig gingen unsre Pferde den Sandweg zur Feste hinauf. Im Hof, wo etliche Soldaten und einige Weiber der Hottentotten waren, stiegen wir von den Pferden und besorgten sie. Der Oberleutnant ging zum Kommandanten, seine Meldung zu machen.

Ich aber – als wir die Tiere besorgt hatten – ging über den Hof und reckte meine Arme zu beiden Seiten von mir – so ekelte mich vor mir selbst – und kam in die Kammer und erhielt einen ganz neuen Kordanzug ausgeliefert samt hohen Reiterstiefeln, und schob meinen verlumpten linken Ärmel zurück und legte den Anzug darauf und ging eilig quer hinüber nach der Badeanstalt, riß mir alle Lumpen von den Gliedern, und stieg ins Wasser und wusch und seifte und rieb, bis ich über den ganzen Körper rot war.

Als ich wieder in den Hof kam, in meiner schmucken, reinen Schutztruppenuniform, stand der Oberleutnant da, noch in seinen Lumpen, und sprach mit einem Bürger und erkannte mich nicht. Dann aber lachte er mich an und sagte etwas zu dem Bürger über mich. Da wandte der sich zurück und sagte: »Ich bin der Mann jener Frau, die mit ihrem Kind auf der Veranda stand, als Sie vorüberritten. Sie möchte sich für den freundlichen Gruß bedanken. Wollen Sie heute abend unser Gast sein?« Da freute ich mich so, daß ich rot wurde.

Also ging ich am Abend, nachdem ich noch einmal wieder gebadet und mich noch einmal wieder eingeseift hatte, in die Gegend des Hauses voraus und wartete, bis der Oberleutnant hineingegangen war und ging gleich hinterher. Als ich in die Stube kam und der Mann mir die Hand gab und die Frau mich freundlich ansprach und mir das Kind zeigte und ich dann mit ihnen am Tisch saß, starrte ich stumm auf das weiße Tischtuch und die Teller, und auf Brot und Milch und Zucker und horchte auf die liebliche Stimme der Frau. Ich wäre in dieser Stunde überglücklich gewesen, wenn ich es hätte lassen können, an die vielen kranken und toten Kameraden zu denken.

Als ich mich nach dem Essen verabschiedete und wieder nach der Feste hinaufging, sah ich im Hof einige Kameraden mit den Weibern der Hottentotten reden und lachen, und einer ging an mir vorüber und sagte, daß alle diese Weiber uns zu jeder Zeit zu Willen wären. Da ärgerte ich mich und ging auf die lange Veranda, die nach Westen hin liegt. Dort stand ich lange und sah nach den fernen Bergen, welche die sinkende Sonne vergoldete, und dachte mit heftiger Sehnsucht nach Hause.

Ich lebte nun drei Wochen auf der Feste und kam von der bessern Nahrung, die ich erhielt, und von der Reinlichkeit, die ich nun hatte, mehr und mehr zu Kräften. Ich schrieb drei Tage lang an einem ausführlichen Brief nach Hause, und ging oft in das Haus des Kaufmanns, spielte mit seinem Kind und redete mit den Eltern.

Da der Feldzug zu dieser Zeit noch ganz und gar stockte, waren die Feinde sehr frech. Ihre reitenden Patrouillen kamen von Norden herunter und belästigten und überfielen Proviantkolonnen, Patrouillen und Viehwachen. Sie wagten sich sogar bis dicht an die Hauptstadt, trieben Vieh weg und erschossen mehrere der Unsrigen. Ich saß oft mit andern zu Pferde, um sie zu erspähen; aber wir kamen selten einmal zum Schuß.

Ich hatte auch viele Unterhaltung mit Kameraden, die beim Kommando waren, oder die krankheitshalber, wie ich, in Windhuk waren, oder die ab- und zugingen, und mit den Buren, welche der Gouverneur als Frachtfahrer angenommen hatte, und mit den Farmern, die aus dem Buschfeld hierher geflohen waren. Es gingen unter allen diesen verschiedenen und von allen Seiten zusammengekommenen, ab- und zugehenden Menschen die wildesten Gerüchte hin und her. Denn wie überhaupt zu Kriegszeiten verworrene Gerüchte immer neu aufsteigen und von den erregten Gemütern geglaubt und weitergetragen werden, so ist besonders Südafrika, vom Kongo bis zum Kap, wegen seines erst werdenden und unruhig und rasch sich entwickelnden politischen Daseins, wegen der vielen gegeneinander streitenden Interessen der Rassen und der Unternehmungen, und wegen der ungeheuren Entfernungen und unzähligen faulen Stunden, welche das Trekken mit Ochsen mit sich bringt, von einem ungeheuren Klatsch übersponnen. Man mag sagen, daß es in Südafrika hergeht wie in einem großen Neubau, in dessen sämtlichen Räumen die Handwerker klopfen, hämmern und reden. Es hallt hell und laut durch die großen, leeren Räume.