Aber gerade nach solchen Unterhaltungen ging ich gern allein auf die Veranda und sah nach Westen ins weite Land hinaus und sah die Sonne versinken. Und wie sie sank, sah ich alsbald oben vom Himmel herunter leichte, weite Wolken fallen, die waren ausgebreitet wie ein Gewand. Und ich sah das Gewand langsam vor der Sonne niedersinken bis zur Erde, und sah, wie die vergehende Sonne alle wunderbaren Farben darauf malte, die es gibt. In zarten Streifen glitten sie nebeneinander zur Erde herab. Seitwärts aber, nach Süden zu, glänzte ein mächtiges Gebirge von nacktem Stein; es glänzte wie Metall; da aber, wo das scheidende Licht nicht mehr hinkam, drohte es hart und finster. Ich stand und sah es immer mit neuem Wundern, bis das ganze schöne Bild verblich und rasch die Nacht kam und die Sterne. Und die Sterne waren auch schön. Wie wunderbar heiß glühten sie am tiefschwarzen Himmel! Aber ich dachte bei aller Pracht des Tages und der Nacht: ›Ach, Afrika! Wär' ich zu Hause!‹


XII

Am Anfang der vierten Woche merkte ich, daß ich meine volle Gesundheit wieder hatte; da ekelte mich das faule Leben. Gerade in dieser Woche rüstete sich der Oberleutnant, nach Norden zur Front zu gehn. Da sagte ich ihm, was ich auf dem Herzen hatte: daß ich den neuen Feldzug gern mitmachen und mit ihm hinaufziehn möchte. Er fuhr nach seiner Gewohnheit auf und schalt mich: »Was? Was willst Du mit mir laufen? Wo sind denn die andern?« Ich sagte: »Ein Drittel von uns ist tot; das zweite Drittel ist krank und verwundet; das dritte ist hier und da zerstreut auf Etappe.« Er sah mich in Gedanken an und sagte: »Ihr armen Kerle! Ihr wart so schmuck und so protzig, als Ihr ankamt, und habt nichts erlebt als Not und Tod. Bist noch nicht satt davon? … Nun, komm' mit! Ich bring' Dich wohl unter.« Da freute ich mich sehr und besorgte mir allerlei Kleinigkeiten. Am dritten Tag reisten wir ab.

Wir kamen nach einer eintägigen Bahnfahrt, nach der Küste zu, auf der großen Bahnstation an, wo alle Bedürfnisse des neuen Feldzugs, die von der Küste her kamen, aufgestapelt wurden: Pferde von Argentinien, Ochsen und Wagen von Kapstadt, Pferde, Munition, Bekleidung, Konserven, Lazarette von Deutschland. Als ich vor fünf Monaten von der Küste her durch diesen Ort gekommen war, hatte er aus fünf oder sechs Wellblechhäusern bestanden; jetzt war er ein Heerlager. Im Bahnhofsgebäude, wo die Kommandantur und die Post war, liefen Offiziere und Ordonnanzen und Depeschenboten, die meist noch nicht im Buschfeld gewesen, alle noch ziemlich sauber, aus und ein. Ein Haufe von jungen Offizieren und Mannschaften war dabei, Pferde und Maultiere, die eben erst von Argentinien angekommen waren, zuzureiten oder ans Geschirr zu gewöhnen. Ich habe niemals in meinem Leben einen Menschen so wettern und schelten hören, wie einen Leutnant, der mit zwanzig Mann, alle in Hemdsärmeln, mit langen Stricken in den Händen, zwischen einem Haufen von Maultieren arbeitete, die fast so aufgeregt waren wie die Hemdsärmligen. Batterien standen in Reih und Glied: es wurde an ihnen geputzt, geübt, gespannt. Vor einigen langen Zelten, in denen ungeheure Mengen Lebensmittel aufgestapelt waren, hielten mächtige Kapwagen und bekamen ihre Lasten. Schwarze Treiber kamen wild schreiend mit den langhörnigen Ochsen von der fernen Weide und schirrten sie an, zwölf Paar vor jeden Wagen. Der Bur, der Besitzer von Wagen, Ochsen und Treibern, setzte sich auf die grellbemalte Kiste, die vorn im Wagen stand oder nahm selbst die lange Peitsche. Die Begleitmannschaften traten an. Dann ging es mit lautem Hott und Hü, in großer Staubwolke, nach Norden aus dem Lager. Von der großen Stellmacherei und Schmiede her klopfte und klang es bis in die Nacht hinein. Von den Kantinen her kam lautes Lachen und Reden.

Von der Front, von Norden her, kamen täglich Leerkolonnen; sie brachten meist einige Kranke von daher mit. Als ich an einen Wagen, der gerade ankam, herantrat, war der Arzt schon hineingestiegen und redete einen Kranken an. »Na, mein Junge, wie geht's denn? Na … nun antworte doch! Du kannst doch sagen, wie es geht?« Da wandte er sich zu dem, der daneben lag: »Nu, warum sagt er denn nichts?« Der raffte sich aus seiner Wirrnis auf und sagte auf plattdeutsch: »Hee's dood.« Der Arzt drehte sich um und fragte die Bedeckung: »Warum habt Ihr ihn nicht unterwegs begraben?« Sie sagten: »Wir mochten ihn da nicht allein liegen lassen; wir hatten auch keine Zeit, ihn ordentlich zu begraben; die Schakale hätten ihn wieder ausgebuddelt.« Die Lebendigen lagen neben dem Toten, meist besinnungslos, oder doch halb von Sinnen, auf dem harten Wagenbrett, in Stiefeln und Uniform, das Gewehr und den Schlapphut neben sich, mit tiefen und blauen Augenhöhlen, Lippe und Zunge vertrocknet. So waren sie acht Tage unterwegs gewesen.