Das Lazarett war eine lange Wellblechbaracke. Ich hörte, daß ein Bekannter aus Itzehoe dort läge, und ging hinein, ihn zu besuchen. Die Typhuskranken lagen, jeder unter einem rund gespannten Moskitonetz, wie ein kleines Kind in seinem Wagen, Reih an Reih, dicht an dicht. Einige lagen stumm mit geschlossenen Augen, blaß und eingefallen; andre ermunterten mit klarer Stimme ihr Pferd, oder sahen Feuerschein oder riefen Kommandoworte, jeder in der Mundart seines Stammes, plattdeutsch oder sächsisch oder bayrisch; andre waren in der Genesung, lagen bleich, und verfolgten mich mit ihren Augen; einer nickte mir zu. Der Itzehoer war ohne Besinnung. Als ich wieder hinausging, atmete ich hoch auf und war lange bedrückt. Es war da eine Fahne am Lazarett, die zog der wachthabende Unteroffizier jeden Morgen hoch; aber es half ihm nichts: an jedem Vormittag trat ein Lazarettgast an ihn heran und machte ihm eine kurze Meldung; dann sank die Fahne.
Am vierten Tag zogen wir mit einer Proviantkolonne von sechs Kapwagen, mit Buren, Treibern und Ochsen ab, die der Oberleutnant führte. Als Bedeckung begleiteten zehn Mann den Zug, alle beritten. Ich hatte die Verantwortung für drei Wagen und ritt einen dunkelbraunen Argentinier, der zwar mager war, aber gut bei Kräften.
Gerade als wir unter Peitschenknallen und großem Hallo der Treiber zwischen den schwerfällig schwankenden Wagen nordwärts aus dem Lager ritten, war es einer Patrouille des Feindes gelungen, das weite, trockene Grasfeld des Berges, der sich östlich von der Station erhebt, in Brand zu stecken, um uns die gute Weide zu nehmen. Der ganze weite Berg lohte von rotem züngelndem Feuer. Im Sturm überwarf es das Buschfeld mit fliegendem rotem Netz; in breiter Front kroch es langsamer in die Ebene hinab. Das ganze Lager stand und sah hinüber, wunderte sich über das Schauspiel und schimpfte über den Schaden, den der Feind uns antat.
Gleich der erste Tagesmarsch war sehr anstrengend. Bald ging es durch grundlosen Sand, bald über holprigen Steinboden. Viel gefallenes Vieh lag stinkend dicht an der schmalen Wegspur, als Gerippe, oder halb aufgefressen oder im Anfang der Verwesung. Aasgeier kreisten über uns und Schakale heulten im Busch. Wir rasteten abends neben einer kleinen Kirche, die voll von Kranken war. Im Hause des Missionars war alles kurz- und kleingeschlagen, nur über der Tür der Stube hing noch ein Stück Pappe mit den Worten: »Liebet Eure Feinde!« Auf dem kleinen Kirchhof unweit der Kirche lag eine ganze Reihe der Unsrigen, in den letzten paar Monaten hier begraben. Auf dem Grab eines Hauptmanns lag ein Palmenwedel, der wohl drei Meter lang war.
Je höher wir hinaufzogen, desto häufiger lagen die verendeten Tiere am Weg, desto schlechter wurde die Weide. Die Feinde hatten sie nach Möglichkeit abgegrast oder verbrannt; den Rest hatten unsere Truppen verbraucht. Wir sahen auch wieder auf diesem Marsch kein Haus und keinen seßhaften Menschen; das einzige, was wir trafen, waren die Leerkolonnen. Doch begegnete uns einmal ein einzelner Reiter. Ich war zufällig Vorspitze und redete ihn schon von weitem gemütlich an, in der Meinung, es wäre ein Kamerad, oder höchstens ein Unteroffizier. Als er aber näher kam, sah ich am Gesicht, daß es ein höherer Offizier war. Er gab mir freundliche Antwort und ritt vorüber. Er war gekleidet wie ein einfacher Soldat.
Dies langsame, schwerfällige Trekken durch das menschenleere, weite, eintönige Land, dies Liegen und Rauchen in den Ruhestunden, im Schatten der Wagen, und das gemütliche, gemächliche, langsame Reden, Necken und ein wenig Prahlen, dies dürftige Essen und spärliche Trinken, ein Schuß im Busch auf eine Schar Perlhühner, und wenn das Glück wollte, auf eine Antilope, vier Stunden Schlaf am verglimmenden Feuer, den Sattel unterm Kopf: das alles erlebte ich nun wieder. Und es war mir, da ich nun zum zweitenmal so unterwegs war, als wenn ich dies Land nun schon lange, lange kannte, als wenn ich schon vor langer, langer Zeit, die weit vor meiner Geburt lag, so neben einem Wagen durch solch wildes Land gezogen war, und im Wagenschutz geruht und geschlafen hatte. Das sind ja wohl die Erlebnisse der Vorväter, die in den Geschlechtern einen langen Schlaf tun und in dem Kinde, das wieder alte Wege und Stege geführt wird, aufträumend das graue Haupt erheben.
Am dritten Abend, als wir erst bei voller Dunkelheit zur Wasserstelle kamen, hielt da schon eine Leerkolonne von drei Wagen. Sie gruben gerade ein Grab; denn es war ihnen einer von den Typhuskranken, die sie mitbrachten, gestorben. Ich sprang noch ins Grab und machte es einen halben Meter tiefer, länger wollten sie nicht warten. Dann ließen wir ihn in seiner vollen Korduniform an zusammengebundenen Pferdezügeln hinunter; den Hut legten wir ihm aufs Gesicht. Es standen sechs Deutsche, braungebrannt, acht Buren, noch brauner, alle in Schlapphüten und hohen Stiefeln, und siebzehn Schwarze an seinem Grabe. Die Buren schossen über ihm. Als seine Mutter, in einem Dorf in Pommern, ihn auf dem Schoß hatte, hatte sie sich nicht träumen lassen, daß er so früh und so fern und mit so wunderlichem Gefolge zu Grabe käme.
Als ich am Spätabend noch zu dem Feuer der Buren hinüberging, um sie zu fragen, wie es an der Front stände, sah ich, daß am letzten Wagen ein gutes dunkelbraunes Pferd angebunden war. Da beschloß ich, es mir zu klauen; und besah mir die Gelegenheit. Wir wollten schon bald nach Mitternacht weiter ziehn. Als wir dann aber abfuhren und ich mich zurückschlich, an den Wagen heran, blaffte der Hund des Buren und hinterm Wagen rührte es sich. Da sprang ich davon. Ein Schuß krachte hinter mir drein. Der Oberleutnant und die andern lachten über die langen Sätze, die ich gemacht hatte. Ich sah aber immer danach aus, wie ich mir ein Pferd erobern könnte; denn mein Argentinier war von Tag zu Tag schwerer in Trab zu bringen, und ich merkte an den vielen toten Pferden an unserem Weg, daß es an der Front schlecht damit stand. Hatte ich aber da vorn kein Pferd, so war ich nur ein halber Soldat. Vor allem konnte ich dann keine Patrouille reiten.
Am vierten Tag holten wir gegen Abend eine andere Proviantkolonne ein, die durch Verlaufen der Ochsen Verzögerung gehabt hatte. So rasteten wir mit dieser Kolonne abends an derselben Wasserstelle und blieben auch den folgenden Tag mit ihr zusammen.