Der Führer dieser Kolonne war schon sechs Jahre im Land. Er war zuerst drei Jahre bei der Schutztruppe gewesen; dann war er Händler geworden, das heißt: er war mit einem Ochsenwagen von der Bahnlinie aus nach dem Norden im Land umhergezogen und hatte den Schwarzen Plattentabak, bunten Kattun und Schnaps verkauft und hatte als Entgelt Ochsen und Kälber bekommen. Die hatte er in Windhuk an seinen Großkaufmann verkauft; doch hatte er immer einige bei einem befreundeten Farmer in Grasung gegeben. Er hatte sich auf diese Art schon ein ziemliches Kapital erworben und hatte gerade die Absicht gehabt, wieder einmal nach Norden zu fahren, aber diesmal, um sich in der Nachbarschaft des befreundeten Farmers anzukaufen: da war das ganze schwarze Volk rund um ihn in wildem Haß gegen die fremden, schlauen und harten Eroberer aufgestanden. Er hatte sich mit genauer Not samt seinem Hab und Gut nach Süden hin gerettet, und war nun als Reservemann eingezogen worden.

Ich fragte ihn viel und er antwortete bedächtig, während er, die kurze schwarze Scheckpfeife im Mund, am Wagen lag. Ich fragte ihn, wie er es anfange, eine Farm zu gründen. Er sagte: »Ich suche mir einen Platz aus mit gutem Wasser und guter Weide; dort lasse ich mir von der Regierung so ungefähr fünftausend Hektar anweisen. Es geht nicht so genau wie in Deutschland, sondern es heißt: von dem Baum bis zu dem Wasserloch, und dann zu der Pad, und so weiter. Dann lasse ich das bißchen Vieh, das ich habe, dort weiden. Es nährt und tränkt und mehrt sich selbst, ganz wie bei Abraham und Jakob. Nach zwei, drei Jahren habe ich schon eine ganze Herde. Unterdes baue ich mir ein kleines steinernes Haus. Wenn ich allmählich anfange, einige Stücke Vieh zu verkaufen, wird aus dem Haus ein besseres.« Ich fragte ihn, ob er trotz des Aufstandes und all der Zerstörung im Lande bleiben wolle. Er sagte: »Sieh! Du kannst hier gehn und stehn und ruhn und trekken, hundert Meilen, und kein Mensch sagt Dir, was Du sollst oder nicht, und Du hast keine Sorge um Freundschaft mit dem Nachbar auf derselben Etage, oder mit dem Vizewirt um die Tapete im Wohnzimmer, oder um Tagelohn, oder um täglich Brot. Wenn Du das eine Kalb verzehrt hast, schlachtest Du ein andres. Magst Du kein Kalbfleisch mehr, schlachtest Du eine Ziege. Oder Du gehst auf die Jagd, so weit Du magst, drei Stunden oder drei Tage, und wenn Du unterwegs nicht recht was vor den Schuß bekommst, machst Du den Leibriemen etwas enger.« Ich fragte ihn, ob er wohl heiraten wolle. Er sah mich von der Seite an und sagte: »Wenn der Krieg zu Ende ist, kommt ein Mädchen aus Deutschland, mit dem ich brieflich eins geworden bin. Ich kenne ihre Eltern und auch sie ein bißchen. Die Farmerfrauen sind hier guter Dinge, das kannst Du Dir auch denken; wenig Arbeit, keine Konkurrenz, also kein Neid und Streit, viel Land, Kühe und Ochsen, ein Pferd zum Reiten, keine Sorge ums Auskommen.« So erzählte er. Ich hörte ihm gern zu, und konnte alles, was er sagte, wohl verstehn.

Der Busch wurde etwas lichter. Wir zogen zuweilen mit unserer langen Kolonne durch eine stattliche, freie Ebene; aber oft ging es auch wieder durch dichten Busch, der so hoch war, daß man zur Not unter seinen Kronen, die sich berührten, unten durch reiten konnte. Die Tage waren hell und heiß, wie fast immer im Land; die Nächte kalt, einmal so kalt, daß unsere Bärte eisig wurden und das Wasser in unsern Wassersäcken gefror. Je weiter wir nach Norden kamen, desto häufiger kamen weite Flächen, welche der Feind abgebrannt hatte, uns die Weide zu nehmen; wir sahen an jedem Abend nach Norden zu starken Feuerschein. Um die Wasserstellen herum war die Weide immer kahl weithin; das Wasser war schlecht und noch dazu verunreinigt. Immer häufiger lagen die Pferde, die zusammengebrochen waren, und die Ochsen, die vorm Wagen schlapp geworden und gefallen waren. Oft hatte man ein Feuer unter ihr Hinterteil gemacht; aber sie waren doch liegen geblieben und an derselben Stelle gestorben. Am achten Tag lag alle Kilometer ein totes oder sterbendes Tier.

Am achten Tag vormittags sahen wir nordwärts, nicht mehr fern, den länglichen Ballon, der über dem Lager in der Luft stand. Da ruhten wir am Mittag nur während der größten Hitze und zogen dann weiter. Gegen Abend erreichten wir das Lager.

Sie waren gerade beim Abkochen. In ihren hohen gelben Stiefeln und Pluderhosen und in Hemdsärmeln saßen und hantierten sie um die Kochlöcher und riefen uns zu, als wir hindurchzogen, ob wir Post mitbrächten. Sie schienen noch guter Dinge zu sein; die Mehrzahl von ihnen war ja auch erst einen Monat im Land. In der einen Ecke hauste ein ganzer Trupp von Wittboys, häßlichen Menschen mit wilden, dunkelgelben Gesichtern; sie waren vom Süden der Kolonie gekommen uns zu helfen, trugen unsere Uniformen und wurden von deutschen Offizieren befehligt. In einer andern Ecke lagerte die große schwarze Horde der Treiber um ihre Feuer; sie lachten und schwatzten. Wagen und Geschütze standen in Haufen und einzeln rund umher. Ich wunderte mich aber, als ich am andern Morgen sah, wie stark das Lazarett besetzt war. Auch wunderte ich mich über die Pferde, nicht, daß sie von der Nachtkälte zottig waren, aber daß sie so mager und müde waren; dazu hatten viele von dem trocknen und scharfen Gras schlimme Wunden am Maul, und manche hatten große, offene Wunden an den Lenden, worin die Fliegen saßen. Viele Leute hatten ihr Pferd schon verloren und gingen zu Fuß.

Von den sechs größern Abteilungen, die im Halbkreis an den Feind herangingen, um ihn zwischen sich zu erdrücken, waren wir die Mittlern; darum war auch das Hauptquartier bei uns. Ich sah den General noch am selben Abend, wie er vor seinem Zelt mit einer Patrouille redete, die dann in die Nacht hinausritt. Er war ein aufrechter, rascher Mann mit grauem Haar und Augen.

Wir waren nicht weit mehr vom Feind. Jede Patrouille, die nach vorn geschickt wurde und heimkam, hatte ihn zu Gesicht bekommen. Einige hatten schwere Verluste gehabt; eine, von einem Leutnant geführt, war ganz vernichtet worden.

Ich freute mich sehr, daß ich wieder in einem ordentlichen Heereszug unter so vielen muntern Kameraden war, und lebte ganz wieder auf. Tagsüber wurde fleißig im Busch geübt, ausgeschwärmt, geschlichen, gekrochen und gestürmt; es wurde Gewehr gereinigt, geflickt, gekocht. Einmal war ich einen ganzen Tag lang unterwegs, um verlaufene Pferde zu suchen. Ich fand sie und unterschlug eins davon, einen hellbraunen Ostpreußen, und mischte dafür meinen Argentinier unter die gefundenen. Ich glaube, daß der Oberleutnant es merkte, aber er sagte nichts. Er hatte mich zu seiner Kompanie genommen.

Abends fand sich an einem Kochloch oder unter einem Wagen zusammen, was sich leiden mochte und vertrug. Ich traf von meinen alten Kameraden nur Peters und Gehlsen wieder, die jetzt Wagenführer bei der Stabswache waren. Unter den Neuen war einer aus Brunsbüttel.

Ich saß also fast unter lauter Neuen und hörte ihren Unterhaltungen zu; ich selbst war durch das, was ich erlebt hatte, stiller geworden, und von der Weite, Öde und Hitze des Landes, in dem ich nun schon sechs Monate lebte, langsamer und gleichgültiger, als ich von Natur war. Sie sprachen gern von ihrer frühern Dienstzeit oder von ihrer Heimat, oder von ihrem Beruf. Zuletzt kam dann dieser und jener darauf zu sprechen, warum er sich freiwillig nach Südwest gemeldet hatte. Einige wollten im Heerdienst bleiben und darin rascher weiter kommen. Einige wollten sich von der Kriegslöhnung ein Stück Geld verdienen, um ihren Eltern zu helfen, oder um in ihrem Beruf selbständig zu werden. Viele hatte jugendliche Freude und Begeisterung, germanische Lust an der Fremde und am Krieg, hinausgejagt; einige hatten sich gemeldet, um auf Reichskosten ein Stück der weiten Welt zu sehen. Einige, so schien mir, wollten etwas Besonderes erlebt haben, um nachher ein Leben lang damit prahlen zu können. Einige schwiegen über die Ursache, die sie hinausgetrieben hatte; doch sagten, die ihnen nahestanden, von dem einen, daß er das Unglück gehabt hatte, unschuldigerweise, im Spiel, einen Schulkameraden zu töten, von einem andern, daß er von seiner Liebsten verlassen wäre. Diese beiden saßen oft abseits und waren stille Leute. Aber am meisten sprachen wir über den Feind, über seine Kampfweise, seine Stärke und seine Absichten, und über den entscheidenden Schlag, den wir gegen ihn tun wollten.