Es waren aber unter uns Soldaten auch einige, die früher in Deutschland Offiziere gewesen waren und auf irgendeine Weise ihren Degen verloren hatten. Da sie ihn nur in einem Kriege wiederzubekommen hoffen durften, hatten sie auf den Ausbruch eines Krieges gebrannt, und hatten sich sofort als Freiwillige nach Südwest gemeldet. Nun waren sie schlichte Soldaten. Einer von diesen sprach gleich am ersten Abend viel und mit großen Worten von Pflichtbewußtsein, Selbstzucht, Ehrgefühl und dergleichen, so daß ich dachte: ›Was ist das für ein ehrenfester Mann und wie hat er seinen Degen verlieren können?‹ Aber bald nachher und später im Sandfeld merkte ich, daß er diese Reden für sich selbst hielt, und zwar ganz vergeblich; denn er nörgelte immer und meist ohne Ursache an den Vorgesetzten, vom Unteroffizier bis zum General hinauf, und drückte sich faul vor jeder Arbeit. Ein andrer war ein lieber, immer munterer und hilfreicher Kamerad; wir mochten ihn alle gern und wünschten ihm das Beste. Er war bei Hamakari auch tapfer. Aber er hat sein Ziel doch wohl nicht erreicht, und wenn er es erreicht hat, so nützt es ihm nicht viel; denn wenn seine Stunde gekommen war, vergaß er alle Vorsätze und trank und spielte wie ein Sinnloser. Die andern aber – ich habe von mehreren gehört – waren wackere Leute, gute, schlichte Kameraden, stramm und stumm im Dienst, und im Gefecht wie Löwen und mehrere von ihnen sind gefallen; denn nur wenn sie schwer verwundet wurden oder wenn sie zur Auszeichnung vorgeschlagen wurden, gewannen sie den Degen wieder. Da war einer in einer andern Kompanie, der hatte ganz jung geheiratet, erzählten sie, und hatte es bis zum Oberleutnant gebracht. Da war ihm nach zwei Mädchen ein kleiner Junge geboren worden. Er war darüber ganz unsinnig froh geworden; altes, tapfer unterdrücktes Erbübel hatte sein wildes Haupt erhoben; er hatte sich schwer betrunken und war in eine Straßenprügelei verwickelt worden. Da war er weggeschickt worden. Nun war er hier in Südwest. Er saß viel allein, in sich versunken; sie sagten, er schriebe nie an Frau und Kinder; er sprach kein überflüssig Wort. Jeder, Offizier wie Soldat, erwies ihm Rücksicht. Als aber in Okahandja ein Einjähriger mit einem Glas Wein in der Hand auf ihn zugekommen war und gutmütig gesagt hatte: »Auf Ihren Jüngsten!« da war er mit blassem Gesicht und verschüttetem Glas zurückgetreten. So hatte der Unglückliche ihn angesehn. Er war wie ein Gebannter.
Ich bekam hier endlich die Briefe aus der Heimat, die mich lange gesucht hatten. Alle hatten geschrieben. Vater schrieb vom Geschäft; Mutter hatte mit Doktor Bartels gesprochen, wie ich mich am besten vor Typhus schützen sollte; die kleinen Schwestern schrieben von ihren neuen Sonntagskleidern. Ich machte mir, als ich ihre Briefe las, Gedanken darüber, daß ich allein schon groß war und drei so kleine Schwestern hatte. Es war mir bisher nie aufgefallen. Aber als ich mich noch darüber wunderte, sah ich auf und sah von ungefähr, wie eine Patrouille heimkam, ganz verstaubt, mit von Dornen zerrissenen Händen und Gesichtern, auf müden, verwundeten Pferden, zwei schwarze Gefangene an der Leine neben ihnen: da erkannte ich, wo ich war, warf meine Träume in die Ecke, stand auf und sah nach meinem Pferd.
XIII
Weil ich schon länger im Lande war als die andern, bekam ich am fünften Tag nach meiner Ankunft vom Hauptquartier den Auftrag, mit drei Mann eine Meldekarte zu der westlichen Abteilung zu bringen, die als die letzte von Deutschland gekommen und in ihrem Anmarsch noch etwas zurück war.
Ich setzte noch durch, daß der Mecklenburger ein besseres Pferd bekam, und sah auch selbst nach, ob das Sattelzeug in gutem Stand war und ob in jeder Satteltasche der nötige Proviant und die acht Pfund Hafer waren: dann ritten wir nach Westen zu in die helle Nacht hinaus. Der Oberleutnant hatte alles genau mit mir durchgesprochen: Wasserstelle, Wegspur und Richtung nach dem Kreuz, das klar am Himmel stand. Ich sollte möglichst südlich reiten und dann nordwestlich, um zu sehn, wie weit die Feinde nach Süden hinunter säßen. Nach einem Ritt von etwa achtzig Kilometern sollte ich verrichteter oder unverrichteter Sache umkehren.
Wir ritten scharf, eine Viertelstunde Trab, dann fünf Minuten Schritt. Voran ein Berliner, ein heller Junge, Sohn eines Droschkenkutschers, dann ich und ein ganz junger Elsässer, dann, hinter uns, der Mecklenburger. Es war eine kalte, klare, sehr helle Nacht. Mondschein war nicht; aber das wirre Sternenheer funkelte am ganzen Himmel.