Die ersten drei Stunden vergingen ohne ein besonderes Ereignis. Der Berliner und ich lugten scharf ins Dunkle vor uns und zur Seite. Der Elsässer neben mir rückte zuweilen wunderlich im Sattel und gestand mir leise, daß er sich durchgeritten hätte; er hätte aber den Ritt so gern mitmachen wollen. Der Mecklenburger trabte treulich im Sande hinter uns her. Es war so hell, daß ich die Staubluft sah, welche die Pferdehufe hochwarfen. Zwischen dem stumpfen Aufstoßen der Hufe im Sand klang von fern aus dem Buschfeld das lange, klagende Heulen eines Schakals und das scharfe Keckern einer Hyäne, das mich jedesmal, wenn es plötzlich ansetzte, erschreckte. Zuweilen stolperte ein Pferd; mit leisem Fluch riß der Reiter es wieder hoch. Dann und wann stieß ein Huf gegen einen Stein, daß es einen hellen Klang gab. Nach Nordwest zu stand überm Busch hinter fernen, hohen Bäumen ein heller Feuerschein; der Berliner behauptete, er könne riechen, daß es ein Grasbrand wäre. Der Mond ging auf. Ein klares, sanftes Licht lag weich und still weit und breit über dem Busch.

Etwas nach Mitternacht, als wir eine langsam ansteigende Wagenspur hinauftrabten, hob der Berliner die Hand und deutete nach rechts vor uns über eine Lichtung. Nicht fünfhundert Meter von uns entfernt, ganz unten an der Erde, glühten, klein und wie umhegt, mehrere Feuer, wie Katzenaugen im Dunkeln unter Büschen. Da unsere Pferde laut schnoben, was sie in der Nachtkälte oft taten – und die Nacht war nun bitterkalt – stiegen wir leise ab und führten sie eine Weile und spähten dabei nach rechts, nach den Feuern. So kamen wir bald an eine Stelle, wo das lange Gras zu beiden Seiten des Weges zertreten war. Da legte ich mich in die Knie und kroch eine Strecke, und sah die Spuren unendlich vieler Kinderfüße, dazwischen die Spuren Erwachsener. Große Kinderscharen, von ihren Müttern geführt, waren hier nach Nordosten zu über den Weg gegangen. Ich stand wieder auf und ging nach einem niedrigen Baum, der da am Wege stand, und kletterte in meinen schweren Stiefeln einige Meter hinauf. Da sah ich, nur hundert Meter von mir entfernt, eine breite, mondbeschienene Anhöhe hinaufsteigend, Hunderte von runden Laubhütten, aus deren niedrigen Eingängen hier und da Feuerschein blitzte, und hörte auch Kinderweinen und das Aufblaffen eines Hundes. Es lagen da Tausende von Frauen und Kindern unter leichtem Laubdach um versunkene Feuer. Und weiter dahinter, auf immer breiter werdender Anhöhe, bis zum Rande des Gebirges, das scharf gegen den blauen Sternhimmel aufragte, standen in Haufen Hütten, wie Klumpen, verschwommen und dunkel. Auch von dorther kam Hundegebell und Viehbrüllen. Ich starrte mit großen, lungernden Augen auf das mächtige nächtliche Bild und merkte mir genau die Lage zum Rand des Gebirges; doch fuhr es mir durch den Kopf: ›Da liegt ein Volk, mit all seinen Kindern und all seinem Hab und Gut, von allen Seiten von wildem, schrecklichem Blei gedrängt und zum Tode verurteilt;‹ und es ging mir kalt über den Rücken.

Wir gingen vorsichtig weiter, erst zu Fuß; dann stiegen wir wieder in den Sattel. Um sechs Uhr, im anbrechenden Morgenlicht, kamen wir an eine Stelle mit hohem, krausem Gras, das die Pferde gern fraßen. Da lockerten wir die Sättel und ließen die Pferde eine Stunde lang grasen, während wir, die Trense in der Hand, dabei standen. Rechts von unserer Wegrichtung erhob sich steil, mit Wucht und Kraft, wie eine Festung, der breite Berg, vor dem das feindliche Volk lagerte. Die Morgensonne beschien warm und hell die Wälder, die auf seinem Rücken lagen, und vertrieb die Nebel, die noch hier und da in den Waldecken hingen. Als wir wieder in den Sattel stiegen, merkte ich, wie steif und müde unsere Pferde waren, besonders das des Mecklenburgers.

Da wir vom Feind nichts sahen, auch keine Spur mehr über den Weg lief, als höchstens die eines einzelnen, glaubte ich, daß wir die Stellungen des Feindes hinter uns hätten. Auch der Berliner meinte es. So ritten wir langsam vier Stunden, in immer größerer Hitze; da trafen wir drei tiefe Wasserlöcher im kalkigen Grund, seitwärts von einem hohen Baum. Der Berliner warf einen Stein hinein und hörte am Klang, daß Wasser in der Tiefe war. Da beredete ich es kurz mit dem Berliner, daß wir hier der Pferde wegen, die am Ende ihrer Kraft waren, eine ordentliche Mittagsrast halten wollten. Wir sattelten also ab, banden die Trensen zusammen, die Futtersäcke daran, ließen den Berliner hinuntersteigen und holten ein wenig schlechtes aber kühles Wasser herauf und tränkten die Pferde. Wir tranken aber selbst nicht von dem Wasser, sondern nahmen das letzte aus unsern Wassersäcken und füllten von dem schlechten Wasser hinein und gingen nach einem hohen Baum, um zu essen. Ich weiß noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß wir in der brennenden Sonne bleiben wollten, weil der Baum mir zu nah am Busch stand; aber ich gönnte ihnen den kühlen Schatten und ich wollte nicht, daß der Berliner, der ziemlich naseweis war, mich heimlich für feige hielte; ich verließ mich auch auf die Lebendigkeit des Berliners, der als erster wachen sollte. Indes wollte ich die Pferdewache übernehmen. Ich erzähle dies so genau, weil ich mir immer wieder Gedanken mache, ob ich etwas versehen habe.

Als ich wohl bald zwei Stunden zwischen den weidenden Pferden gestanden hatte, die Trense in der Hand, und mich grade bücken wollte, um eine große, stechende Fliege zu töten, welche zwischen den Vorderbeinen meines Pferdes saß, daß es heftig stampfte, da hörte ich von der Lichtung her einen kurzen, furchtbaren Aufschrei, der sich mir sofort wie ein harter Druck aufs Gehirn legte. In die Höhe fahrend sah ich, wie sich zwanzig oder dreißig Feinde mit Gewehren und Keulen um meine liegenden Kameraden drängten, die unter Schüssen und Hieben liegen blieben. Der Berliner, der noch eben, halbaufgerichtet, zum Schuß kam, erhielt im selben Augenblick, das Gewehr an der Backe, einen furchtbaren Kolbenhieb, daß er in sich zusammensank. Im selben Augenblick kamen auch Schüsse von links her über die Lichtung gegen mich. Laute Rufe und Scheltworte flogen heran. Kriechend und springend kamen sie durch das hohe, bewegte Gras auf mich zu. Da sprang ich, die Trense noch in der Hand, in fliegender Eile auf das nächste ungesattelte Pferd und brachte das müde Tier in Galopp und entkam ihnen am Busch entlang.

Ich weiß nicht viel von den nächsten Stunden. Ich weiß nur, daß es mir entsetzlich schwer und dumpf auf dem Schädel lag, als wäre mein Hut voll Blei, und daß ich den Kopf sonderbar geduckt zwischen den Schultern hielt und die Augen halb geschlossen und daß ich immer die furchtbaren Hiebe fühlte, die ich gesehen hatte. In schrecklich wüster Dumpfheit und wirrem, halbverrücktem Grübeln ritt ich wohl drei Stunden lang. Wann und wie ich dem Pferd die Trense angelegt habe, weiß ich nicht. Es war das erbärmliche Pferd des Mecklenburgers.

Als mir ein wenig klarer wurde, dachte ich nach, wohin ich wohl ritte, und wußte es nicht. Ich sah nach der Sonne; aber sie stand fast grade über mir. Da richtete ich mich nach dem leisen Wind, der die Nacht über vom Meer her geweht hatte und ritt ihm entgegen. Ich ritt immer grade aus, zwei oder drei Stunden, aber ich traf keine Spur oder Weg oder Menschen.

Ich kam über lichte Stellen und durch hohen, dichten Busch, der über meinem Kopf zusammenkam. Mein Rock war von den Dornen zerfetzt und Gesicht und Hände waren blutrünstig. Um das Pferd zu schonen, stieg ich zuweilen ab und führte es; es war übermüdet und verdurstet. Als ich mich wieder aufgesetzt hatte und über eine Lichtung ritt, stolperte es und fiel in die Knie und blieb eine Weile in den Knien liegen; dann fiel es mit Stöhnen um. Da ließ ich es und ging zu Fuß weiter.

Ich zog mein Messer heraus und band es mir mit einem Ende Tau um das linke Handgelenk, damit ich es zur Hand hätte, wenn ich etwa das Gewehr nicht mehr brauchen könnte; ich wollte mir lieber das Letzte antun, als daß ich lebend in ihre Hände fiele. Nachdem ich es gut angebunden hatte, wagte ich es und gab drei Schüsse ab und horchte, ob eine Antwort käme; aber es kam nichts. Die Sonne sank und ich sah nun, wo Westen war. Aber es half mir nicht viel, daß ich es wußte, weil mir ganz unbekannt war, in welcher Richtung ich in den ersten Stunden nach dem Überfall geritten hatte. Meine Zunge lag schwer und dick im Mund; mein Hals wurde trocken bis in die Brust hinunter; meine Gedanken wurden stumpf. Ich dachte, daß ich hier so allein und so erbärmlich umkommen müßte – wie gern läge ich unter dem Baum, weit im Osten, wo meine lieben Freunde lagen –, ich quälte mich mit der Heimat, gab jedem die Hand und sagte ihm, daß ich nun vom Leben schiede und er sollte nicht so sehr trauern, das Leben wäre doch nicht viel wert, und ging auch zu dem Oberleutnant und sagte ihm, daß er mir vergeblich vertraut hätte, ich wäre kein klarer und ruhiger Mensch, sondern von meiner Kindheit an ein Träumer gewesen. Ich wollte ein leises Wort sagen, um meine Stimme zu hören, aber ich konnte es nicht.

Ich ging aber immer weiter, in den schweren Stiefeln, durch Sand und durch hohes, spärliches, hartes Gras, kletterte auch zwei- oder dreimal auf einen Baum oder auf einen Termitenhaufen. Einmal erschreckte mich ein großes, schweres Tier, wie ein Ochse; es hatte aber zwei Hörner, lang, und wie Spieße aufrechtstehend. Ich habe nicht erfahren, was für ein Tier es gewesen ist, da ich mit keinem über diese Stunden gesprochen habe. Einmal erhob sich nicht weit von mir ein riesiger Baum, der ganz abgestorben war. An einem seiner toten Äste hing eine dunkle Masse dichten Flechtwerks, so groß und so gestaltet wie der Leib eines Ochsen; darin wohnten unzählig viele kleine graue Vögel. Eine dicke, dunkle Schlange wand sich langsam heraus aus den Nestern und wandte züngelnd den Kopf hin und her, als wäre sie vom Sonnenschein geblendet; ich lief in Angst weiter. Einmal stieg ich auf einen Felsen, der plötzlich, zehn Meter hoch, aus dem Buschfeld aufstieg. Ich sah aber nichts, als an mehreren Stellen in der Ferne Rauch oder sonnebeschienenen Staub. Rund um mich lag weit und breit das stille Buschfeld.