Gegen Abend kam ich an eine undeutliche, lange nicht befahrene Wagenspur. Da ruhte ich nicht weit davon, im Busch versteckt – ich dachte, es könnte doch jemand dieses Wegs kommen –; und schlief ein. Als ich erwachte, weil mich sehr fror, war es Nacht. Es war eine Nacht, wie die vorige: kalt, und die Sterne klar. Da stand ich auf und sah mich in großer Not um und begehrte, tot zu sein.
Da, wie ich so stand, kam plötzlich schräg vor mir über das Buschfeld hin ein grelles, scharfes Aufblitzen. Nun wieder! Nun wieder! Eine Signalstation! Aber wie fern wohl! Wohl viele, viele Meilen weit! Wie hell und warm es schien! Da waren Kameraden; da war Rettung. Es war töricht, schien mir, drauf loszulaufen; aber ich merkte mir am Himmel die Richtung; und lief, so rasch ich konnte.
Ich lief wohl zwei Stunden oder mehr; ich zerriß mir an den schrecklich langen und harten Dornen Kleider, Gesicht und Hände. Da merkte ich mit heißer Freude, daß ich näher kam. Denn das Licht fing zusehends an, höher über den Büschen zu blitzen; es war aber zu nahe, als daß es etwa von einem fernen, hohen Berge herabkäme. Da schrie ich laut und lief noch mehr. Aber das gab ich bald wieder auf. Ich lief wohl noch eine halbe Stunde, da fing ich wieder an zu rufen, damit sie nicht auf mich schössen.
Da fingen sie an zu antworten: »Komm nur her! Wer bist Du denn? Komm 'ran!« Aus den Büschen kam ich heraus und lief über die Lichtung zu ihnen, die am Fuß von klippigen Felsen standen, und sagte, wer ich wäre und wie es mir gegangen wäre.
Sie sagten: »Du armer Teufel. Wir können Dir wenig helfen; wir sitzen hier selbst im schlimmsten Dreck. Unser Unteroffizier, der das Signalgeben versteht, ist vorgestern mit einem andern zum Wasserloch gegangen und nicht wiedergekommen; und der Gefreite, der die Lampe jetzt bedient, ist krank. Und wir haben seit vierzehn Tagen keine Ablösung, keinen Schlaf und kein Brot, bloß ein bißchen Reis, Büchsenfleisch und Wasser; und warten, bis die Schwarzen kommen und uns abtun.« Zwei von ihnen waren gleichmütig liegen geblieben, in ihre Mäntel gewickelt. »Die sind krank,« sagten sie.
Ich hörte nicht auf das, was sie noch sagten; ich hörte das Wort »Wasser« und bat sie. Sie gaben mir aus einem Wassersack zwei Deckel voll. Da merkte ich, daß es eklig war und nahm den dritten Deckel voll nicht an. Unterdes rief der Gefreite von oben immerzu, wer da unten wäre, ob Ablösung da wäre. Ich merkte an der Sprache, daß er ein Bayer war. Sie sagten zu mir: »Geh hinauf und rede mit ihm und sprich ihm gut zu. Er hat zwei Nächte nicht geschlafen.«
Ich kletterte die Felsen mühsam hinauf und kam zu ihm. Er stand im Mantel neben der Lampe, und riß im Takt die Blende ab, daß es grell in die Nacht hinausschien. Das Licht flackerte in dem eisig kalten Nachtwinde. Er flog am ganzen Körper.
Nun ließ er ab von der Lampe und sah scharf über das nächtliche Buschfeld nach einem Licht, das fern am Horizont aufblitzte und schrieb mit hin- und herfliegender Hand auf einem Block Papier, was er sah, fragte mich in Absätzen nach woher und wohin und sagte: »Wir sind schmutzig und hungrig und durstig und krank, und zwei von uns sind schon abgetan; und keiner kommt und löst uns ab.«
Ich fragte ihn: »Hast Du Verbindung mit der neuen Abteilung?« Er sagte: »Grade seit einer Stunde,« und lächelte kläglich und sagte: »Man wird noch verrückt hier. Gestern nacht habe ich lauter dummes Zeug signalisiert, immer los: ›So leben wir, so leben wir,‹ und so was; aber sie haben den Unsinn nicht verstanden.« Er ließ den Block sinken und hockte sich nieder und schüttelte sich. Er schien zu meinen, daß ich Ablösung wäre.
Ich wollte ihn aufmuntern und fragte ihn nach den Lichtern, die hier und da durch die Nacht zuckten. Er raffte sich wieder auf und zeigte mir mit hastender Hand das Licht jeder Abteilung. Im Halbkreis lagen sie um den Feind, bereit, ihn morgen gegen die Wand des breiten Berges zu drücken, vor dem er stand. Indem er noch zeigte, blitzte oben, vom Berge herab, ein neues Licht. Grell und frech stand es plötzlich da. »Sieh,« sagte er verwundert. »Die sind hinten herum auf den Berg geklettert. Nun stehen sie da oben hoch über dem Kopf des Feindes, und übersehen alles und melden, was sie sehen.« Ich sah lange nach dem grellen Licht und dachte trotz meiner eignen Not an die zehn oder zwanzig Kameraden, die da oben auf den ungastlichen Höhen saßen, jeden Augenblick gewärtig, überrannt zu werden. Und sah nach dem weiten Gebiet, das dunkel zwischen all den Lichtern lag. Da saß im Busch das feindliche Volk. Mit welchen Gedanken mochten sie und ihre Kinder die Lichter sehen?