XIV
Schon vor Mitternacht rückten wir weiter vor, dem Feinde zu. Es wurde gesagt, daß unsre Abteilung etwa gegen Morgen auf den Feind stoßen würde.
Voran ritten als Kundschafter die Wittboys. Dann kam unsre Kompagnie. Ein Teil von ihr war abgesessen und suchte zur Seite des Wegs im Busch vorwärts zu kommen; der andre Teil ritt noch auf dem Weg. Ich ritt im dritten Zug. Hinter uns, dicht aufgeschlossen, fuhr die Artillerie.
Wir marschierten möglichst lautlos; aber es gab doch allerlei Lärm: Schnauben der Pferde, Stoßen der Räder, ein ungeduldiger, zorniger Ruf, ein Peitschenhieb. Mich fror heftig im Sattel. Damit ich nachher, wenn ich schießen sollte, nicht steife Finger hätte, legte ich die Zügel über den Patronengurt und steckte die Hände in die Taschen.
Endlich graute der Morgen; und bald schossen am hellgrauen Himmel von unten herauf zarte, rosige Streifen Lichtes gegen die Himmelshöhe. Rasch wurden die Farben tiefer, fröhlicher und stärker. Es jauchzte das Rot in seiner Fülle und es freute sich das Blau seiner reinen Schönheit. Es kam herauf und dehnte sich und stieg auf wie eine neue Welt, die war wohl tausendmal schöner als die alte. Und dann kam groß und klar die Sonne, wie ein großes, ruhiges, weitoffnes Auge anzusehn. Obgleich ich als ein guter Soldat mit allen Sinnen nach vorne hin dachte, nach dem Feinde zu, und den schweren Stunden, denen ich vielleicht entgegenginge, sah ich doch die Himmelsherrlichkeit. Neben mir ritt ein Hamburger, ein frischer, ruhiger Junge. Er hatte mir mal gesagt: »Siehst Du, man muß einmal was Ordentliches erlebt haben: Wie soll man sonst ein tüchtiger, ernster Mensch werden? Darum bin ich hierhergekommen!« Er wollte nachher in das Geschäft seines Vaters eintreten. Er ritt wie ich, die Zügel überm Patronengurt, die Hände in den Taschen; er hatte aber die Stirn heute morgen sehr kraus gezogen und sah scharf vor sich hin. Schräg hinter mir ritt der gewesene Offizier.
Um diese Tageszeit sollten wir nach den Aussagen unsrer Patrouillen den Feind erreichen. Aber er war nicht da. Da dachte ich mit vielen andern, daß es wieder nichts würde, und ärgerte mich sehr. Doch hörten wir bald darauf von rechts herüber Kanonendonner.
Es wurde acht; es wurde neun. Der Busch wurde so eng, daß die Ausgeschwärmten nicht weiter konnten. Sie kamen heraus und zogen sich auf dem Weg zusammen. Die Sonne stieg und stieg; es wurde ein heißer Tag. Es fing an, warm im Sattel zu werden. Die Pferde wurden müde. Ein kleiner schmaler Leutnant mit einem zähen, hagern Gesicht und scharfen Augen ritt an meiner Seite vorüber und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wir sind keine drei Kilometer von den Wasserlöchern.« Er hatte in den letzten Tagen mehrmals eine gefährliche Patrouille bis in diese Gegend geritten und kannte jeden Busch.
Da fiel vorn der erste Schuß. Die Gewehre flogen aus dem Schuh.
Wir waren mit raschem Schwung aus dem Sattel; die Zügel flogen über den Pferdehals; die Pferdehalter griffen zu. Unsre Kompanie war nur neunzig Mann stark; zehn ließen wir bei den Pferden; nur achtzig Mann gingen wir in den dichten Busch hinein. Die Feinde schossen heftig und stießen kurze, wilde Rufe aus. Ich sah einen von den Unsrigen verwundet; er kauerte und untersuchte seine Wunde am Schenkel. Ich sah noch nichts vom Feinde. Aber da sah ich, einen Augenblick nur, ein Stück von einem erhobenen Arm im graubraunen Kordrock und schoß dahin. Dann lag ich und spähte auf ein neues Ziel. Es ging lebhaftes Feuern hin und her. Wenn einer von uns getroffen zu haben glaubte, verkündigte er es mit lauter Stimme: »Der steht nicht wieder auf! Mensch, mitten in die Brust!« Der dritte Mann zu meiner Rechten, der ein wenig nach vorn an einem Busch lag, zuckte zusammen. Drüben schrie eine lachende Stimme: »Hast genug, Dütschmen?« Der Kamerad sagte mit ruhiger Stimme: »Ich habe einen Schuß in der Schulter« und kroch auf allen vieren zurück.