Ich hörte durch all unser eigen Schießen, daß wir auch von links her Feuer bekamen. Nun wurde dies Feuer stärker. Sie kamen näher. In dichten Reihen krochen und schossen und schrien sie heran. Zwei von meinen Nachbarn schossen nicht mehr. Wir krochen um eine, zwei Körperlängen zurück. Sie schrien und riefen: »Paß auf, Dütschmen! Paß auf!« Und lachten wild. Andre schrien: »Hurra, Hurra!« Es wimmelte von Menschen. Ich glaubte, daß sie nun hervorbrächen, im wilden Sturm, und daß es aus mit uns wäre. Ich hatte wegen unsrer Verwundeten eine furchtbare Angst für den Fall, daß wir zurück mußten. Ich nahm mir fest vor, wenn das Kommando käme, laut zu rufen: »Die Verwundeten mitnehmen!« Aber als ich es eben bei mir beschloß, kam ein Unteroffizier mit einigen Mann und ermutigte uns durch einige Worte: »Haltet! Ich schicke Hilfe.« Bald darauf hörte ich hinter mir etwas schleifen und klirren und eine ruhige, sanfte Stimme hinter mir sagte: »Nu rück mal ein bißchen zur Seite.« Das Rohr eines Maschinengewehrs schob sich neben meinem Gesicht vor. Gleich darauf knatterte es los. Die rasende Kugelsaat pfiff in die Büsche, prasselte und pfiff. Wie schön das klang! Wie sicher und ruhig ich schoß! »Getroffen habe ich!! Hast gesehn? Mensch, schieß! da … da!« Nun donnerten auch die Kanonen von einer Anhöhe hinter uns über unsre Köpfe weg. Da wurde es drüben etwas stiller. Und da kam auch schon der Ruf: »Sprungweise vor!« Wir sprangen auf und stürzten vor; aber eine entsetzliche Kugelsaat prasselte gegen uns an – wir warfen uns wieder hin. Schräg vor mir hatte ein Unteroffizier eine Kugel in den Leib bekommen; das Blut strömte sofort mit Gewalt aus der Wunde, er kauerte und versuchte, es mit seinem Taschentuch zu hemmen und rief laut um Hilfe. Er war ein schmucker hellblonder Mensch. Da kam der gewesene Offizier, der Gebannte, schräg von der Seite, faßte den Verwundeten an den Schultern und zog ihn hinter uns. Die Kugeln schlugen um ihn; der Lauf seines Gewehrs flog getroffen klappernd zur Seite. Er legte sich ruhig wieder an seinen Platz. Von drüben, im Busch, schossen sie mit wildem Eifer und schrien vor Wut.
Wir kamen nicht vorwärts. Ich weiß nicht, wie lange wir so lagen und schossen. Es sind wohl Stunden gewesen. Ich wunderte mich einmal, daß sich kein Offizier bei uns sehen ließ, und vergaß es wieder. Der Schweiß rann mir wie Wasser über den ganzen Körper. Nicht meine Zunge, mein Hals, mein ganzer Körper schrie nach einem Schluck kühlen Wassers. Seitwärts versuchte ein Lazarettgehilfe einem Verwundeten einen Gummischlauch um den stark blutenden Schenkel zu legen. Der Verwundete bat in süddeutscher Mundart: »Bring' mi ein bißle zurück; kannscht das?« Da schleppte der ihn keuchend zurück. Das Feuer drüben wurde schwächer. Eine Stimme befahl: »Langsamer feuern.« Von drüben klang es heiser und höhnisch nachäffend: »Langsamer feuern!« Ein Verwundeter rief laut und ängstlich nach Wasser.
Wir lagen, Gewehr im Anschlag, und warteten. Von rechts her ging es von Mund zu Mund: »Der Hauptmann ist tot. Der Oberleutnant auch. Alle Offiziere … Und fast alle Unteroffiziere.« Ich nahm mit der linken Hand meine Feldflasche, während ich das Gewehr aufliegen ließ, und nahm den kleinen Schluck, den ich für die höchste Not aufgespart hatte. Als ich die Flasche absetzte, dachte ich, daß dies vielleicht mein letzter Trunk gewesen wäre, und dachte auch an meine Eltern. Ich meinte, daß der Feind ein wenig Luft holen und gleich im Sturm vordringen würde.
Aber es geschah nichts.
Da kam ein Oberleutnant, der zum Stabe gehörte, geduckt unsere Reihe entlang. Als er hinter mir war, kniete er da, tippte auf meinen Stiefel und sagte: »Gehen Sie zum General und melden Sie, daß wir nach meiner Schätzung etwa einen Kilometer von den letzten Wasserlöchern entfernt sind.«
Ich hob mich vorsichtig in die Knie und lief gebückt zurück und kam auf den Weg. An einem Termitenhaufen, der wohl drei Meter hoch war, mühte sich ein Arzt und ein Lazarettgehilfe, einen Verwundeten vor dem Verbluten zu schützen; ich glaube aber, daß sie zu spät kamen: er lag wie ein Toter auf seiner roten dunkeln Decke. Dann sah ich den Ballon nicht weit vor mir. Darauf zu rannte ich über die Lichtung.
Die langen Reihen der Ochsen, in Geschirren vor ihren Wagen, hoben die offenen Mäuler, witterten lechzend die Wasserlöcher und brüllten heiser. Die Kameraden an den Pferden und die bei den Wagen riefen mich mit trockener Stimme an: »Macht doch vorwärts, Ihr Kerls da vorne! Sind wir bald beim Wasser? Geht es vorwärts?« Sie sahen mich aus tiefen, trockenen Augen an. Die Pferdehalter hatten ihre Mühe mit den verdurstenden Tieren, die in dichten Haufen standen, von Insekten umschwärmt und gepeinigt. Die Sonne glühte herab. Eine dicke, schrecklich dürre Staubluft lag über dem ganzen Lager.
Vor einem Lazarettwagen standen in weißen Mänteln die Ärzte um einen Tisch, auf dem einer lag. Ich wunderte mich, wie viele da schon im Schatten des Wagens lagen; fünf oder sechs davon tot, darunter unser Hauptmann. Ein Verwundeter, ich glaube, es war ein Leutnant, tränkte mit seiner gesunden Hand die Schwerverwundeten; der andere Arm blutete ihm schwer.
Auf dem Wagen des Generals stand ein Mann am Heliograph. Der General stand daneben, einige Offiziere und Ordonnanzen bei ihm, alle zu Fuß. Ich machte meine Meldung und hörte noch, wie einer sagte: »Die Tiere halten nicht mehr und die Leute verdursten uns.«