Im nächsten Augenblick, da ich mich schon umgewandt hatte, um nach vorn an die Front zu laufen, kam von hinten her, von zwei oder drei Seiten wildes Schreien und Schießen aus dem Busch. Die Posten, die rundum auf der Erde lagen und knieten, erwiderten sofort. Die Stimme eines Offiziers klang scharf und hell: »Schwärmen.« Ich lief und sah noch im Lauf, wie ein Hagel von Kugeln die Wand des Lazarettwagens zersplitterte und die Ärzte nach ihren Gewehren griffen und einer von ihnen verwundet wurde, und hörte noch, wie einer von ihnen sagte: »Wir wollen doch die weißen Röcke ausziehen.« Dann lag ich an einem Busch und schoß gegen die Feinde, die unter wilden Rufen durch die Büsche vorstürmten. Schreiber, Ordonnanzen, Fahrer, Bedeckung, Offiziere, alles stürzte heran und lag nebeneinander und wehrte sich seiner Haut. Die Artillerie machte im Feuer kehrt und feuerte über uns weg. Aufgeregt vom Lauf und von dem plötzlichen Angriff gab ich ein heftiges Schnellfeuer. Eine Stimme neben mir sagte: »Ruhiger schießen.« Ich schoß ruhiger und dachte: ›Wer hat das gesagt?‹ und griff nach dem Patronengurt und sah nach der Seite: da lag der General zwei Mann von mir und schoß ruhig, wie es sich für einen alten Soldaten ziemt. Sie drangen in dichten Reihen durch den Busch heran und schrien und schossen. Aber wir lagen ruhig und schossen gut. Da wurden sie stiller. Die Offiziere standen auf und gingen wieder in die Mitte des Lagers. Gleich darauf kam der Befehl, daß das Lager zweihundert Meter vorrücken sollte. Ich sah noch im Vorbeilaufen, wie sie anfingen, die Verwundeten und Toten in die Wagen zu heben. Dann lief ich wieder nach vorne in die Schützenlinie an meinen Platz.

Nun, da ich wieder lag, fühlte ich, wie sehr ich ausgedörrt war. Ein Bitten und Klagen und Quälen um Wasser ging durch die Reihe. Von hinten her klang das heisere Brüllen der verdurstenden Tiere. Ich glaube, es war um diese Zeit, nachmittags vier Uhr, kein Tropfen Wasser mehr im ganzen Lager, außer für die Verwundeten.

Da wurde die ganze dünne Front entlang alles daran gesetzt, Gewehr, Geschütz und Maschinengewehr. Ein wildes Schnellfeuer prasselte gegen den müde werdenden Feind. Dann ging es von Mann zu Mann: Wir wollen stürmen.

Nun gellte der Ruf. Niemals in meinem Leben vergesse ich ihn. Mit wildem Schreien, mit verzerrten Gesichtern, mit trockenen, brennenden Augen sprangen wir auf und stürmten vorwärts. Die Feinde sprangen, schossen und stoben mit lautem Schreien zurück. Wir liefen ohne Unterbrechung schreiend, fluchend, schießend bis zu der ziemlich großen Lichtung, auf der die heißbegehrten Wasserlöcher lagen, und gleich darüber weg bis an ihren jenseitigen Rand, wo der Busch wieder anfing.

Das ganze Lager: die schweren Wagen mit den langen Ochsenreihen, die Hunderte von Pferden, die Lazarettwagen mit Ärzten, Verwundeten und Toten, das Hauptquartier: alles kam hinterher und lagerte sich auf der Lichtung. Wir aber lagen rund um sie am Rand des Buschfelds und wehrten die Feinde, die bald hier, bald da in wilden Haufen mit lautem Schreien durch den dichten Busch heranbrachen.

Und nun kletterten sie hinter uns mit Feldkesseln in die zehn Meter tiefen Wasserlöcher und füllten die Eimer, die an zusammengebundenen Zügeln herabgelassen wurden, und fingen an, Mensch und Tier zu tränken. Wenn je zehn Tiere ein wenig bekommen hatten, war das Wasserloch leer. Es waren wohl zehn oder zwölf Löcher an dieser Stelle.

Die Sonne ging unter. Einige von uns schlichen hoch und hieben mit ihren Seitengewehren Buschwerk ab und machten einen Kraal vor uns. Die Artilleristen stellten hinter uns die Maschinengewehre und Geschütze auf und knieten daneben. Abgesandte Kameraden krochen von Mann zu Mann und gaben uns ein wenig Wasser. Hinter uns im Lager tränkten sie im Dunkeln die unruhig drängenden Haufen der Tiere; an den Lazarettwagen gingen die Pfleger mit Laternen in der Hand und beugten sich über jeden. Dazwischen feuerten die Feinde noch immer. Rund ums Lager blitzte es auf im dunkeln Busch.

Erst gegen Mitternacht wurde es stiller. Wir reichten uns von Hand zu Hand ein wenig Zwieback. Dann kam die völlige Dunkelheit und das Schießen hörte auf. Was hatte der Feind vor? Hier lagen wir, vierhundert Mann, in dunkler Nacht, übermüde, halb verdurstet, und vor uns und um uns ein wildes, rasendes Volk von sechzigtausend. Von den anderen deutschen Abteilungen wußten und hörten wir nichts. Vielleicht waren sie abgetan, und die sechzigtausend ziehen sich nun zusammen und fallen über uns. Von fernher hörten wir durch die stille Nacht das Brüllen von ungeheuren, verdurstenden Viehherden und fernes, schweres Getöse wie vom Ziehen eines ganzen Volkes. Ostwärts stand ein riesiger Feuerschein. Ich lag, so lang ich war, das Gewehr bereit, und ermunterte meine todmüden Kameraden, daß sie wachten.

So kam allmählich der Morgen.