XV
Am andern Morgen wagten wir es, den Feind zu verfolgen. Wir ließen alle unsere Unberittenen bei unsern Verwundeten und Kranken im Lager und machten uns ostwärts auf. Wir waren zweihundert Reiter. Aber unsere Pferde waren schlapp, ausgehungert oder krank; und die Gegend, in die wir vorstießen, war eine Durststrecke und wenig erforscht.
In einer Breite von ungefähr hundert Metern war die Erde zur Diele zertreten. In solch breiter und solch dichter Schar waren der Feind und seine Viehherden dahin gestürmt. Auf diesem Fluchtweg lagen Decken, Tierfelle, Straußenfedern, Geschirre, Weiberschmuck, sterbendes und totes Vieh, vor sich hinstierende, sterbende und tote Menschen. Ein entsetzlicher Geruch von altem Mist und verwesenden Kadavern erfüllte drückend die heiße, stille Luft.
Je weiter wir in der brennenden Sonne zogen, desto jammervoller wurde der Weg. Wie tief hatte sich das stolze, wilde, höhnende Volk in seiner Todesangst erniedrigt. Wohin ich von meinem müden Pferd herab die Augen wandte, da lag haufenweise all ihr Gut: Ochsen und Pferde, Ziegen und Hunde, Decken und Felle. Und da lagen Verwundete und Greise, Weiber und Kinder. Ein Haufe kleiner Kinder lag hilflos verschmachtend neben Weibern, deren Brüste lang und schlaff herabhingen; andre lagen allein, die Augen und Nasen voll von Fliegen, noch lebend. Irgend jemand schickte unsere schwarzen Treiber; ich denke, die haben ihnen zum Tode verholfen. So wie alles da lag, all dies Leben, so wunderlich verstreut, Tier und Mensch, wie ihm die Knie gebrochen waren, hilflos, schwer, sich noch quälend, oder schon unbeweglich, sah es aus, als wenn es aus der Luft herabgestürzt wäre.
Mittags machten wir an Wasserlöchern Halt, die bis an den Rand voll von Kadavern waren. Wir zogen sie mit den Gespannen der Geschütze heraus; aber es war nur ein wenig blutiges und stinkendes Wasser in der Tiefe. Wir versuchten die Löcher tiefer zu graben; aber es kam kein Wasser. Weide war auch nicht. Die Sonne glühte so heiß auf den Sand, daß wir uns nicht einmal hinlegen konnten. Auf durstenden und hungernden Pferden ritten wir weiter, wir Durstenden und Hungernden. In einiger Entfernung hockten Haufen alter Weiber, die stumpfsinnig vor sich hinstarrten. Hier und da standen Ochsen und brüllten. Mensch und Tier wird nachher in den Busch gestürzt sein, irgendwohin, sinnlos, in letzter Verzweiflung, irgendwo Wasser zu finden. Im Busch werden sie verdurstet sein.
Wir zogen weiter bis an den Abend. Dann sollten wir ein trocknes Flußbett erreichen und dort Wasser finden. In große Staubwolken gehüllt kamen Rinderherden gegen uns an, mit stieren Augen und heiserm Brüllen. Das war ein schlechtes Zeichen von der Gegend, in die wir ritten. »Wollt Ihr klüger sein als die Tiere? Kehrt um! Kehrt um!« »Nein, wir wissen es besser: um sieben Uhr werden wir an dem Feind und an Wasser und Weide sein.« Wir ritten vorwärts. Unsre Reihe lockerte sich. Wir ritten, so wie jeder vorwärts konnte. Vom Feinde war nichts zu sehn. Aber Wittboys, die voraus geritten waren, kamen zurück und meldeten, daß er nicht fern wäre.
Gegen Abend, da ich mit vier Mann befohlen wurde, zur Seitendeckung im Busch zu reiten – denn es wurde dann und wann aus dem Busch auf uns geschossen – sahen wir von ungefähr hinter hohen Büschen einen verlassenen Kapwagen stehen und hörten Menschenstimmen. Wir stiegen aus dem Sattel und schlichen heran und sahen sechs Feinde im lebhaften Gespräch um ein kleines Feuer sitzen. Ich machte mit Zeichen deutlich, auf wen jeder von uns schießen sollte. Vier blieben gleich liegen, der fünfte entfloh. Der sechste stand halb aufgerichtet, schwer verwundet. Ich sprang mit geschwungenem Kolben hinzu. Er sah mich gleichmütig an. Ich wischte den Kolben im Sande rein und warf das Gewehr am Riemen über die Schulter. Aber ich mochte den Kolben den ganzen Tag nicht anfassen.
Die Erde war rund umher kahl, gelbbraun, steinig; das spärliche Gras war abgegrast oder verbrannt oder vertreten. Überall lag totes Vieh. Das heisere Brüllen verendender Rinder zitterte schrecklich durch die Luft. Der Busch wurde dünner; oft weitete sich ein Raum zu einer großen Lichtung.
Ganz verlassen lag in der glühenden Sonne ein zweijähriges Kind. Als es uns sah, setzte es sich aufrecht und sah uns an. Ich stieg ab und hob es auf und trug es eine Strecke zurück, wo an einem Busch eine verlassene Feuerstelle war. Es kroch gleich auf allen vieren über die Stelle, wobei es mit der Hand Asche und Unrat zur Seite rakte. Es fand auch gleich etwas, den Rest einer Wurzel oder einen Knochen, und aß. Es weinte nicht; es fürchtete sich auch nicht; es war ganz gleichmütig. Ich glaube, es ist da im Busch groß geworden, ohne Hilfe von Menschen.