Der heiße Tag senkte sich. Unsere Pferde wurden sehr müde. Wir hatten Mühe, die stolpernden Tiere wieder hoch zu kriegen; einige Reiter stiegen ab; gegen Abend führten schon viele ihre Pferde. Bald darauf stürzten einige. Die Reiter warfen die Sättel auf die Wagen und zogen zu Fuß weiter. Es wurde dunkel. Vom Feinde war nichts zu sehen. Da kamen wir endlich zu den heiß ersehnten Wasserlöchern.

Da waren sie bis an den Rand voll von toten Ochsen; und Wasser war nicht da. Und von Weide keine Spur.

Da bissen wir die Zähne zusammen und starrten vor uns hin; denn nun wußten wir, daß wir zurückmußten und daß viele Pferde zugrunde gehen würden. Wir mußten wohl froh sein, wenn wir alle Menschen lebendig zum Lager zurückbrachten.

Wir blieben hier drei oder vier Stunden der Nacht. Ich versuchte, mir ein wenig Wasser zu verschaffen, zwängte mich zwischen die toten Tiere und kam nach einer Stunde mit einem halben Feldkessel voll von einer schrecklichen Flüssigkeit heim. Wir kochten uns aber doch Kaffee damit und tranken ihn. Die anderen hatten indes ein großes klumpiges Nest von Webervögeln vom Baume geholt und es den Pferden vorgelegt; auch alten Kuhdung trugen wir in den Händen zusammen und schnitten Zweige von den Büschen, entfernten die Dornen und hielten sie ihnen vor. Ich ging eine Stunde lang rund um mein Pferd, und rieb es mit der Faust und war freundlich mit ihm.

Nach Mitternacht traten wir den Rückzug an.

Zuerst, wenn ein Pferd fiel, nahm der Reiter den Sattel auf den Rücken und ging in schweren Reiterstiefeln durch den Sand; aber bald lag da, bald da ein Sattel. Wir anderen stiegen ab und führten die Pferde; es war ein langer, müder Zug. Dicht vor meinen Füßen taumelte ein Kamerad und fiel lang hin. Wir hoben ihn mit vier Mann auf; er war schwer wie Blei. Immer mehr Pferde fielen; bald lag alle Kilometer ein edles Tier. Dann und wann krachte ein Schuß; wir achteten nicht darauf. Die älteren Kadaver waren hochaufgetrieben; eine schreckliche Luft dunstete über dem weiten Totenfelde. Wir setzten stumm Fuß vor Fuß. Der Mund war heiß; die stickige, stinkende Luft ging wie mit Peitsche und Sporen den Hals hinunter. Einer vor mir fing an, wild zu reden, er wolle alle Feinde erschlagen und sich an ihrem Blute satt trinken. Sie setzten ihn auf ein Pferd; zwei Mann hielten ihn. Ich spürte keinen Hunger; der Ekel vertrieb den Hunger. Aber der Durst quälte mich, daß ich begehrte, das Blut zu trinken, das ich in den Adern der gefallenen Tiere sah.

Der Morgen war da und die brennende Sonne. Wir erreichten eine Wasserstelle, die aber wieder voll von verendetem Vieh war. Wir warfen uns dennoch hin und versuchten in der Tiefe Wasser zu finden, und schöpften einige Deckel voll von der ekligen Flüssigkeit und tranken der Reihe nach. Als die Reihe an mich kam und ich den Deckel schon zum Munde hob, wurde mein Kopf sachte zur Seite geschoben. Als ich mich erstaunt umsah, steckte mein Pferd sein Maul in den Deckel und trank. Da tat ich mir schreckliche Gewalt an und dachte: »Was willst Du Dir an geronnenem Blut und Urin den Tod saufen? Lieber verdursten,« und ließ es ihm, und stand auf, und hatte keine Hoffnung mehr, den Abend dieses entsetzlichen Tages zu erreichen. Unser Zug wurde länger und länger.

Es ist wunderbar, wieviel der Mensch ertragen kann. Ich bin noch vier Stunden lang in brennender Sonne gegangen. Ich weiß aber wenig oder nichts von diesen Stunden; ich habe nur eine Erinnerung, als wenn ich durch Feuerlohe gegangen bin. Mein Pferd fiel und blieb liegen.

Gegen Abend, als wir noch zehn Kilometer vom Lager entfernt waren, bekam ich Befehl, ein anderes Pferd zu besteigen und zu sehen, ob ich auf ihm das Lager erreichen könnte, damit man uns von da einige frische Zugochsen entgegenschickte; denn unsere Gespanne versagten. Ich stieg in den Sattel und brachte den Ostpreußen wirklich in langsamen, schweren Trab: so ritt ich allein den Totenweg entlang. Als ich eine Weile geritten hatte, zog von Süden her eine schwere, dunkle Wolke herauf wie eine Gewitterwolke. Ich freute mich und sah mit Begier, wie sie breiter und breiter und breiter wurde; ich glaubte schon den Regen zu schmecken. Da fiel mir auf, daß sie so niedrig hing und so rasch näher kam, gleich als wenn sie flöge. Und nun kam sie heran: rauschend und surrend umschwirrten mich dicht gedrängt, die Sonne verdunkelnd, unzählige Mengen von großen Heuschrecken. Es glitzerten ihre fingerlangen, silberblanken Flügel wunderschön in der untergehenden Sonne; in zahllosen Scharen fielen sie rund um mich auf den Busch. Ich aber schüttelte mich vor Entsetzen über dies schreckliche, wunderlich fremde Land, und kam durch sie hindurch. Ich erreichte das Lager, meldete, trank, und fiel hin und schlief.